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Geschrieben: 18. April, 2017 in Mein Haustier
 
 

Borreliose beim Pferd – Risiken richtig einschätzen und vorbeugen

10908875 - attractive young woman brushing a horse. selective focus.
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Interview mit Prof. Dr. Reinhard K. Straubinger über Zeckenschutz für Pferde

Dr. Reinhard K. Straubinger, Professor für Bakteriologie und Mykologie an der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität

 

Fotoquelle: 123RF – Zeckensuche während des putzens

München, erforscht die Lyme-Borreliose, eine durch Zecken auf Mensch, Hund und Pferd übertragbare und durch Borrelien ausgelöste Infektionskrankheit.

Herr Prof. Straubinger, haben Pferde Zecken? Und wo werden sie gestochen?

Natürlich haben Pferde, wie jeder Warmblüter, Zecken. Ob Hund, Mensch, Katze oder Pferd – da macht der Holzbock keinen Unterschied. Er liebt Hautfalten, weil er da ausreichend geschützt ist. Beim Pferd sucht die Zecke Stellen, wo die Haut dünn ist, und sie nicht so einfach durch Reiben an Wand oder Baum entfernt werden kann.

Sollten Pferdehalter ihr Tier nach Zecken absuchen?

Beim Putzen des Pferdes fallen verdickte Stellen auf. Bemerkt der Besitzer, dass es sich um eine Zecke handelt, sollte er sie zügig entfernen. Eine Zecke, die frisch aufs Pferd gelangt ist, bewegt sich erst einmal eine gewisse Zeit, um eine passende Einstichstelle zu finden. Beim Striegeln wird sie in der Regel abgestreift. Putzen ist daher auf jeden Fall eine wichtige Schutzmaßnahme, da eine Übertragung der meisten Krankheitserreger erst nach 24 Stunden erfolgt.

Welche Krankheiten, die von Zecken übertragen werden, spielen beim Pferd eine Rolle?

Die bekanntesten sind Anaplasmose und Lyme-Borreliose. Beim Erreger der Anaplasmose (Anaplasma phagocytophilum) handelt es sich um einen Blutparasiten, der sich in weißen Blutkörperchen einnistet und so das Immunsystem stört. Daneben gibt es Rickettsien, die bislang wenig erforscht sind.

Wie viele Pferde infizieren sich im Lauf ihres Lebens mit Borreliose?

Wir haben keine übergreifenden Daten und können nur anhand von eingesandten Proben vermuten, dass Lyme-Borreliose bei Pferden stark vertreten ist. Man muss allerdings aufpassen, dass nicht alles, was humpelt, lahmt und sich nicht anderweitig aufklären lässt, als Borreliose deklariert wird.

Was sind typische Anzeichen und Komplikationen der Borreliose beim Pferd?

Typische Anzeichen sind Abgeschlagenheit, geringere Leistungsfähigkeit und Lahmheit. Alle anderen Fallberichte möchte ich mit einem Fragezeichen versehen. Pferde sind grundsätzlich weniger empfänglich als Hunde. Todesfälle sind eher unwahrscheinlich und mir nicht bekannt.

Die Borreliose ist eine bakterielle Erkrankung. Macht die Behandlung mit Antibiotika daher Sinn?

Grundsätzlich ist Borreliose beispielsweise mit Penicillin und Oxytetracyclin gut behandelbar. Beim Pferd ist die Antibiotika-Therapie aber wegen der Nebenwirkungen nicht so einfach, erst recht, wenn die Behandlung länger als 28 Tage dauert. Daher sollte man nur bei sicherer Diagnose Antibiotika geben und das Pferd in den ersten sieben Tagen engmaschig kontrollieren. Tritt keine deutliche Besserung ein, ist die Behandlung umgehend abzusetzen, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Die Wirkung bestätigt oder widerlegt Borreliose als Ursache.

Gibt es schwere Fälle und was bedeutet ein schwerer Krankheitsverlauf für den Pferdebesitzer?

Für mich bedeutet schwer schon, wenn das Pferd nicht mehr seine Leistung erbringen kann oder lahmt, was gerade bei Turnierpferden für den Besitzer dramatisch ist.

Für welche Pferde empfiehlt sich die Borreliose-Impfung?

In den neuen Leitlinien zur Impfung von Pferden wird empfohlen, dass jedes Pferd, das beispielsweise beim Weidegang mit Zecken in Berührung kommen kann, Impfschutz erhalten sollte. Wichtig ist, sich ans Impfschema zu halten, um den Antikörperspiegel möglichst hoch zu halten. Dazu benötigt das Pferd zunächst zwei Impfungen im Abstand von drei bis fünf Wochen. Im Unterschied zu Herstellern empfehlen wir dann eine Zwischenimpfung nach sechs Monaten. Nach weiteren sechs Monaten – ein Jahr nach Beginn der Impfung – wird nochmals geimpft. Danach reicht eine jährliche Auffrischung.

Wie können Halter ihr Pferd vor Borreliose schützen?

Täglich Putzen und Impfen, dichtes Buschwerk in oder um die Koppel vermeiden oder zurückschneiden. Erwachsene Zecken bevorzugen dichte Büsche. Wenn Pferde nicht an Büsche kommen, ist das Risiko also geringer. Koppeln am Waldrand sind besonders gefährdet. Wer im Gelände reitet, sollte hinterher genauer hinschauen. Denn eine infizierte Zecke reicht für die Infektion aus. Es braucht keine 20, 30 oder 50 Zecken.

Welche Bedenken haben Pferdebesitzer gegenüber der Impfung?

Das betrifft die Nebenwirkungen, wie bei allen Impfstoffen. Tierärzte melden Nebenwirkungen an das Paul-Ehrlich-Institut, das für die Impfstoff-Zulassung zuständig ist. Daher wissen wir, dass die Borreliose-Impfung im direkten Vergleich mit anderen Impfungen sehr gut abschneidet. Lokale Reaktionen an der Einstichstelle sind nichts Ungewöhnliches, allergische Reaktionen selten.

Die Borreliose-Impfung ist aber nicht unbedingt erforderlich?

Im Gegensatz zu Impfungen gegen Influenza, Herpes und Tetanus, die jedes Pferd haben sollte, gehört die gegen Borreliose zu den sogenannten Non-Core-Impfungen. Halter und Tierarzt müssen gemeinsam einschätzen, wie hoch das individuelle Zeckenstichrisiko ist. Den impfmüden Deutschen ist manchmal das Risiko einer ernsthaften Erkrankung nicht bewusst. Einen besseren Schutz als die Impfung gibt es nicht. Für viele Tiere besteht ein Infektionsrisiko, daher lohnt die Impfung.

Wie funktioniert die Impfung?

Die Borreliose-Impfung entfaltet außerhalb des Wirtes im Darm der Zecke ihre Wirkung. Antikörper gegen die Erreger gelangen beim Blutsaugen in die Zecke, binden und blockieren dort die Erreger, so dass sie nicht mehr aufs Pferd übergehen können. Ohne Borrelien im Pferd gibt es keine Krankheit. Daher ist ein hoher, durch jährliche Impfungen aufrechterhaltener Antikörperspiegel notwendig.

 

Autorin: Dr. Andrea Hammerl

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