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Geschrieben: 12. Mai, 2015 in Aktuelles | Gesundheit | Infektionskrankheiten
 
 

Die stumpfe Klinge – Wenn Antibiotika wirkungslos werden

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Sie haben die Medizin revolutioniert und eine neue Ära in der Behandlung bakterieller Infektionen eingeläutet: Antibiotika. Doch diese Ära könnte sich in nicht allzu ferner Zukunft ihrem Ende zuneigen, denn seit einigen Jahren beobachten Mediziner immer häufiger, wie einst wirksame Antibiotika plötzlich versagen: multiresistente Erreger, kurz MRE, sind auf dem Vormarsch. Alles über die Gründe dieser Resistenzbildung, und wie man sie aufhalten könnte, erfahren Sie hier.

Antibiotika, Fotoquelle: 123RF

Was sind Antibiotika?

Im Jahr 1928 wollte der schottische Mikrobiologe Alexander Fleming in seinem Labor Staphylokokken untersuchen. Einige der verwendeten Petrischalen waren jedoch mit einem Schimmelpilz verunreinigt. Als Fleming die Schälchen näher betrachtete, kam er ins Stutzen: Rund um den Schimmelpilz vermehrten sich die Bakterien nicht. Das Ergebnis dieser zufälligen Entdeckung war das Penicillin. Es sollte jedoch noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts dauern, bis der Wirkstoff in den USA erstmals in großen Mengen isoliert und eingesetzt wurde. Bis Mitte der sechziger Jahre entdeckte man so viele Wirkstoffe, dass viele zunächst nicht weiterentwickelt wurden. Zwar wusste man damals schon von Resistenzen, doch die Zahl der Präparate war so groß, dass irgendeines immer half. Bakterielle Infektionen schienen ihren Schrecken zu verlieren. Dies war leider ein Irrglaube.

„Wir kehren allmählich in eine Ära zurück, in der bakterielle Infektionen nicht behandelt werden konnten“, bekennt angesichts der zunehmenden Verbreitung von Resistenzen der Direktor des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC), Marc Sprenger.

Wie entstehen Resistenzen?

Jedes Lebewesen kann bei einer Infektion einige Krankheitserreger in sich tragen, die gegenüber Antibiotika resistent sind. Diese Resistenzen entstehen zufällig durch natürliche Mutationen. Werden nun Antibiotika verabreicht, überleben diese resistenten Keime, während ihre nicht mutierten Verwandten dahin gerafft werden. Je häufiger und sorgloser Antibiotika eingenommen werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die resistenten Keime vermehren und verbreiten, da sie sich nicht gegen ihre nicht mutierten Verwandten behaupten müssen. Durch den Austausch von Erbgut untereinander können sich diese Resistenzen schließlich sogar auch auf andere Bakterien übertragen.

Da seit etwa 30 Jahren keine neuen Antibiotikaklassen entdeckt wurden, wird die Entstehung und Verbreitung von Resistenzen zu einem immer größeren Problem. Schätzungen zufolge sterben alleine in Deutschland jährlich rund 15.000 Patienten durch antibiotikaresistente Bakterien. Selbst die jahrelang in Reserve gehaltenen Antibiotika aus der Wirkstoffgruppe der Carbapeneme versagen mittlerweile immer häufiger. In einem dramatischen Bericht der WHO aus dem Sommer 2014 heißt es daher: „Das Problem ist so ernst, dass es die Errungenschaften der modernen Medizin bedroht.“

In Deutschland ist der sogenannte MRSA-Keim am weitesten verbreitet. MRSA steht hierbei für Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus. Diese Bakterien sind wahre Winzlinge, nur ein tausendstel Millimeter groß, kugelig rund und leuchtend violett. Rund 30 % der Bevölkerung tragen diesen Keim auf der Haut und in der Nase. Das ist zunächst auch nicht weiter schlimm. Zum Problem wird er erst bei Patienten mit einem geschwächten Immunsystem oder offenen Wunden. Denn ist der Erreger erst in den menschlichen Organismus gelangt, vermehrt er sich dort explosionsartig und kann schließlich zu Harnwegsinfektionen, nicht heilenden Wunden, Lungenentzündungen und Blutvergiftungen führen – im schlimmsten Fall sogar zum Tod.

Über die genaue Zahl der durch multiresistente Keime verursachten Todesfälle gibt es jedoch keine Statistik, da es mitunter schwierig sein kann, die Todesursache eindeutig auf sie zurückzuführen. „Wir gehen von etwa 4.000 Toten aus“, vermutet die Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité, Petra Gastmeier. „Vermutlich ist etwa die Hälfte bereits mit multiresistenten Erregern infiziert, wenn sie im Krankenhaus ankommt.“

Was müssen Sie bei der Einnahme von Antibiotika beachten?

  • Fragen Sie Ihren Arzt, ob ein Antibiotikum wirklich nötig ist. Wenn genügend Zeit bleibt, sollte ein Test durchgeführt werden, um den jeweiligen Erreger genau zu bestimmen und ein entsprechendes Antibiotikum auszuwählen.
  • Vermeiden Sie nach Möglichkeit den Einsatz von Breitbandantibiotika. Oft helfen diese zwar sehr schnell, fördern durch ihre Breitenwirkung jedoch gleichzeitig die Resistenzbildung bei einer Vielzahl von Bakterien.
  • Akzeptieren Sie, wenn der Arzt kein Antibiotikum verschreibt. Husten, Erkältung oder Bronchitis werden beispielsweise meist durch Viren verursacht, gegen die Antibiotika nicht wirken.
  • Nehmen Sie ein verschriebenes Antibiotikum immer so lange ein, wie es vorgeschrieben ist. Halten Sie Dosierung und Abstände zwischen den Einnahmen ein, um Erreger wirksam zu bekämpfen und Resistenzen zu vermeiden.
  • Verwenden Sie keine Antibiotika, die Sie noch übrig haben. Antibiotika sind sehr potente Arzneimittel, weshalb man von einer Selbstmedikation absehen sollte.
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