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Geschrieben: 02. Oktober, 2014 in Aktuelles
 
 

Diskussion in den Niederlanden: Was ist der Wert eines Lebensjahres?

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Darf ein Maximalpreis für ein Lebensjahr existieren? Anscheinend schon, denn an Astrid N. Leben hing das Preisschild von 80.000 Euro. Im Januar 2010 wurde bei ihr Hautkrebs diagnostiziert. Vom ersten und kleineren Tumor aus, hatten sich Metastasen im ganzen Körper ausgebreitet, sogar bis in den Kopf. Eine Chemotherapie und zwei Operationen halfen nicht. Die letzte Möglichkeit war eine Immuntherapie: mehrere Infusionen des Medikamentes Ipilimumab, 80.000 Euro.

Teuere Behandlung mit der Dialysemaschine, Fotoquelle: 123RF

Hier als Vorab-Information: Sie wurde geheilt und lebt, weil sie die Therapie bekommen hat.

Astrid N. erzählt, sie habe nach der Diagnose begonnen, sich in die medizinischen Studien einzulesen. Nur bei etwa zwanzig Prozent der Patienten wirke die Immuntherapie, sagt sie. Bezahlt werden muss die Behandlung jedoch in jedem Fall. In den Niederlanden wird deshalb diskutiert, in welchen Fällen sich eine medizinische Behandlung lohnt, ein Maximalbetrag ist im Gespräch. (Quelle: spiegel.de)

Kosten-Nutzen-Rechnung sinnvoll?

Ein Maximalbetrag – genannt wurden 80.000 Euro pro gewonnenem Lebensjahr – wäre die Grenze. Eine Therapie würde nicht mehr bezahlt, wenn die Kosten diesen Betrag überschreiten. Damit soll das Gesundheitssystem des Landes finanzierbar bleiben.

Es geht nicht nur um die Finanzierung von Krebstherapien. Die Behandlung von Patienten mit Nierenversagen, die drei Mal pro Woche zur Dialyse müssen, kostet in den Niederlanden beispielsweise 216.000 Euro pro Jahr. Wie wird man damit verfahren und werden diese Kranken dann nicht mehr behandelt?

Die Therapie seltener Krankheiten kann noch teurer sein. Solange es um wenige Patienten gehe, sei eine Finanzierung noch möglich, sagt Christian Blank. Nollens behandelnder Arzt ist ein deutscher Mediziner am Amsterdamer Antoni-van-Leeuwenhoek-Krankenhaus.

Dies betrifft auch Deutschland

Schon bald aber könnte die Immuntherapie bei Patienten mit Lungen-, Blasen- und Nierenkrebs angewendet werden. Dann geht es in den Niederlanden nicht mehr um Hunderte, sondern um Tausende Patienten. Noch laufen die Studien, aber im nächsten Jahr werden möglicherweise die Preisverhandlungen mit den Pharmafirmen beginnen.

Blank rechnet vor: In Deutschland erkranken jedes Jahr mehr als 50.000 Menschen an Lungenkrebs. Wenn man von einem möglichen Preis von 100.000 Euro für die neue Immuntherapie ausgeht, wären das fünf Milliarden Euro. „Die Frage, was das Gesundheitssystem leisten kann, betrifft auch Deutschland“, sagt der Arzt. 2012 hatten die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland rund 30,6 Milliarden Euro für Medikamente ausgegeben.

Einige neue Therapien wirken nur bei wenigen Personen oder verlängern ein Leben nur relativ kurz. „Bei der Diskussion um eine Obergrenze geht es im Kern darum, ein transparentes Kriterium dafür zu entwickeln, welche Gesundheitsleistungen sich eine Gesellschaft nicht leisten möchte“, sagt Harald Tauchmann, Professor für Gesundheitsökonomie an der Uni Erlangen. Transparenz sei wichtig, weil sonst im Einzelfall zufällig und unsystematisch entschieden werde, erklärt er.

 

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