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Geschrieben: 17. Juli, 2015 in Gesundheit | Stoffwechsel
 
 

Freie Radikale – Der Zahn der Zeit

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Für manche Menschen sind sie buchstäblich Terroristen im eigenen Körper, die rücksichtslos ihre eigene Agenda verfolgen und dabei immense Schäden anrichten: freie Radikale. Lange Zeit galten Vitamine als einziger Schutz vor der oxidativen Wirkung dieser freien Radikalen. Doch was ist dran an dieser Behauptung? Sind freie Radikale wirklich bloß Schadmoleküle, die unsere Existenz bedrohen? Oder sind sie nicht vielmehr ein natürlicher Teil unseres Stoffwechsels?

Fotoquelle: 123RF

Wie entstehen freie Radikale?

Freie Radikale entstehen in unseren Körperzellen während des Stoffwechsels. Es handelt sich um Sauerstoff-Moleküle, die besonders reaktionsfreudig sind, da ihnen ein Elektron fehlt. Dieses wollen sie sich bei der nächstbesten Gelegenheit (circa 10-11 Sekunden, das sind 0,00000000001 Sekunden nach ihrer Entstehung) von anderen Molekülen stehlen, was die jeweiligen Zellstrukturen, Eiweiße und Erbinformationen schädigen kann. Diesen Raub des fehlenden Elektrons nennt man ‚Oxidation‘, die Folge ist ‚oxidativer Stress‘.

Auf den Spuren des Alterns

In den 50er Jahren stellte der amerikanische Biogerontologe Denham Harman erstmals die These auf, dass die so reaktionsfreudigen Moleküle den Alterungsprozess beschleunigen würden, indem sie das Erbgut in den Zellen schädigen und damit ihre Funktion beeinträchtigen. Lange war man der Ansicht, dass hochdosierte Vitaminpräparate, sogenannte ‚Radikalfänger‘, einen Schutz vor freien Radikalen bieten, da diese antioxidativen Vitaminbomben das fehlende Elektron quasi freiwillig abgeben und die Zellalterung verlangsamen würden. Fast wähnte man sich schon angekommen am Jungbrunnen. Ob das so stimmt und die zusätzliche Gabe von Vitaminen wirklich sinnvoll ist, wird mittlerweile jedoch heftig angezweifelt. So empört sich beispielsweise der Molekularmediziner Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule Köln: „Eine ganze Armada von Buchautoren und Vitaminherstellern verdient Milliarden an diesem Irrglauben.“

Ein Teil des Gleichgewichts

So kam schon 1994 eine Studie mit hochdosiertem Vitamin E und A zu dem Ergebnis, dass die Gabe dieser Vitamine Raucher vor Lungenkrebs nicht nur nicht schützte, sondern die Tumorrate dadurch noch deutlich anstieg. Eine weitere, breit angelegte Studie aus dem Jahr 2008 mit verschiedenen Radikalfängern zeigte sowohl für die einzelne Verabreichung der Vitamine A und E als auch für deren Kombination eine erhöhte Sterblichkeit unter den Probanden. Es scheint also, als könnten Antioxidantien paradoxerweise auch oxidativ wirken und neue Radikale erzeugen, statt vorhandene unschädlich zu machen. So wundert es nicht, dass auch die Verbraucherzentralen vor der dauerhaften Einnahme extrem hoher Vitamindosen warnen.

Bloch sieht die freien Radikalen vielmehr als natürlichen Teil des Stoffwechsels an, den es nicht zu bekriegen sondern zu verstehen gilt. Freie Radikale sind nicht grundsätzlich gefährlich. In jedem lebenden Organismus entstehen sie ohne Unterlass. Im Körper herrscht ein Gleichgewicht zwischen oxidativen und antioxidativen Substanzen. Faktoren wie der jeweilige Lebensstil, körperliche Aktivität, die Ernährung und die psychische Verfassung haben alle einen Einfluss auf dieses Gleichgewicht. Vitamine können es dabei zwar auch beeinflussen, doch eben nicht nur zum Positiven. „Mehrere hundert Gene bilden ein sehr empfindliches Gleichgewicht zwischen freien Radikalen und deren Abwehrsystemen im Körper“, erklärt auch Wilhelm Bloch. „Da können Sie nicht einfach einen Regler ganz nach oben oder unten schieben.“

Freie Radikale haben eine Aufgabe

Das Immunsystem ist ein möglicher Grund, weshalb hochdosierte Vitamine auch einen gegenteiligen Effekt haben können. Denn dieses tötet mithilfe von freien Radikalen Zellen ab, die begonnen haben, unkontrolliert zu wuchern. „Nimmt man dem Körper nun diese Waffe, kann er Tumoren deutlich schlechter bekämpfen“, stellt Bloch klar. „Es braucht einfach ebenfalls freie Radikale, um die erbgut-geschädigten Zellen zu bekämpfen und den Zellmüll aus oxidierten Fetten und Proteinen zu beseitigen.“ Nahezu unumstritten ist jedoch die These, dass ein Dauerbeschuss des Körpers mit freien Radikalen durchaus schadet. „Ständig erhöhte Radikalpegel, wie sie beispielsweise Kettenraucher aufweisen, führen durch permanenten oxidativen Stress zu einem deutlich erhöhten Tumorrisiko“, konstatiert Bloch. Die Folge ist nicht nur eine erhöhte Tumorgefahr, sondern auch ein erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen, Typ-2-Diabetes sowie für degenerative Hirnerkrankungen wie Parkinson und Alzheimer.

Lassen Sie sich nicht verunsichern – sorgen Sie für Gewissheit

Es ist also ein riskantes Spiel, wenn man glaubt, alleine durch die richtigen Vitamine dauerhafte Gesundheit zu erlangen. Eher sollte man gesünder und bewusster leben, anstatt sich auf Pillen und Tabletten zu verlassen. Sorgen Sie lieber für weniger Stress, mehr Bewegung und eine ausgeglichene, gesunde Ernährung. Haben Sie trotzdem noch Bedenken und möchten Sicherheit, können Sie beim Arzt ein Blutbild machen lassen. Dieser wird Ihnen dann aufgrund Ihrer persönlichen Werte nötigenfalls die Einnahme ergänzender Vitaminpräparate verordnen.

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