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Geschrieben: 17. August, 2016 in Aktuelles | Sport & Bewegung
 
 

Gesund&Vital Interview mit Franziska van Almsick

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Franziska van Almsick

 

Fotoquelle: ©Thomas Faehnrich, https://www.facebook.com/thomasfaehnrichfotografie, www.tffoto.de

 

Gesund und Vital (GuV): Frau van Almsick, das Seepferdchen ist die erste Schwimmauszeichnung, die man machen kann. Haben Sie ein Seepferdchen?

Franziska van Almsick: Ich bin mir nicht ganz sicher. Gab es das damals in der DDR? Ich kann schwimmen, aber ob ich ein Seepferdchen habe, weiß ich gar nicht. Wenn nicht, würde ich es aber noch machen.

(GuV) Sie sind mehrmalige Welt- und Europameisterin. Mittlerweile haben Sie die Schwimmbrille, zumindest was den Profisport angeht, an den Nagel gehängt. Wie sind Sie damals zum Schwimmsport gekommen?

Franziska van Almsick: Durch meinen Bruder. Als ich fünf Jahre alt war, hat er mich vom Kindergarten abgeholt. Normalerweise hat er mich dann gleich zuhause abgesetzt, aber an diesem Tag war er wohl spät dran und nahm mich einfach zum Schwimmtraining mit. Dann hat er gesagt: Setz dich da in die Ecke und guck zu, wenn ich fertig bin, komme ich wieder. Und dann saß ich da und war ganz angetan von dem, was mein Bruder da gemacht hat. Als ich dann zuhause war, habe ich gesagt: Genau das will ich auch machen. Wenn mein Bruder bei der rhythmischen Sportgymnastik gewesen wäre, wäre ich heute vielleicht rhythmische Sportgymnastin. Aber ob ich da so erfolgreich gewesen wäre, ist eine andere Frage.

(GuV) Sie sind Mutter zweier Kinder. Schwimmen Ihre Kinder auch?

Franziska van Almsick: Mehr oder weniger. Mein Kleiner ist drei Jahre alt. Er glaubt zumindest schon, dass er schwimmen kann. Kann er aber noch nicht. Der Große ist neun und kann tatsächlich schon ganz gut schwimmen.

(GuV) Wären Sie beleidigt, wenn Ihre Kinder überhaupt keine Lust auf Schwimmen hätten? Vielleicht würden sie ja lieber Schlagzeug spielen?

Franziska van Almsick: Mein älterer Sohn würde bestimmt lieber Schlagzeug spielen. Schwimmen ist jetzt nicht seine Lieblingssportart. Aber da muss er durch. In dieser Hinsicht bin ich wohl eine sehr strenge Mutter. Das mache ich aber nicht, um ihm meinen Willen aufzuzwingen. Der Grund ist ein anderer: Wenn man nicht schwimmen kann, dann kann man ertrinken. Daher führt für mich am Schwimmen kein Weg vorbei.

(GuV) Geht Ihr Sohn in einen Schwimmverein, oder nehmen Sie die Sache lieber selbst in die Hand und trainieren ihn in Eigenregie?

Franziska van Almsick: Er ist ganz normal im Verein angemeldet und geht zweimal die Woche dorthin. Ich möchte einfach, dass er die verschiedenen Schwimmarten technisch sauber beherrscht. Begeistert ist er nicht, aber welches Kind ist schon begeistert von dem, was die Mutter oder der Vater gut kann. Von daher kann ich ihn da sogar verstehen.

(GuV) Sie halten sich da komplett heraus?

Franziska van Almsick: Natürlich biete ich ihm auch immer wieder mal Hilfe an. Ich glaube schon, dass ich gute Tipps geben kann, zum Beispiel wie man mit der richtigen Technik noch einen Ticken schneller wird. Aber er zögert noch ein bisschen. Tipps von der Mutter sind in dem Alter halt auch nicht so in, aber vielleicht kommt das ja noch. Ich habe da Geduld. Wenn er älter wird, wird er schon noch auf den Trichter kommen, vielleicht doch einmal seine Mama zu fragen. Aber Kindern allgemein das Schwimmen beibringen, dass können andere bestimmt viel besser als ich.

(GuV) Sie waren eine sehr erfolgreiche Leistungssportlerin. Bedeutet Schwimmen bei Kindern für Sie, dass man da auch wie an eine Sportart herangehen sollte, zum Beispiel mit einer entsprechenden Diät?

Franziska van Almsick: Nein. Schwimmen ist ganz einfach eine Gesundheitssportart. Gerade für übergewichtige Menschen oder Leute mit Gelenkbeschwerden ist Schwimmen der ideale Sport. Ins Wasser gehen und sich im Wasser bewegen, dieses Floating-Gefühl genießen, dem steht von klein auf und bis ins hohe Alter praktisch nichts im Wege. Andere Sportarten sind viel schädlicher. Ob Tennis, Squash oder Fußball, irgendwann ist überall Schluss, weil diese Sportarten sehr auf die Muskulatur oder auf die Gelenke gehen. Das ist beim Schwimmen einfach nicht der Fall. Es gibt kaum eine Erkrankung oder ein Defizit, womit man nicht ins Wasser gehen kann. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass man Schwimmen in jungen Jahren lernen sollte. Das verlernt man nie mehr, so wie Fahrradfahren. Die Technik hat man einfach immer drin.

(GuV) Lebt das Schwimmen von der Technik?

Franziska van Almsick: Auf jeden Fall! Es gibt viele Erwachsene, die sagen: Schwimmen ist ja voll okay, aber ich bin nach zwei Bahnen schon total kaputt. Dann denke ich: Na ja, wahrscheinlich weil du die falsche Technik hast. Hätten sie früher eine saubere Technik gelernt, dann bliebe ihnen jetzt nicht die Luft weg und sie würden nicht am Beckenrand hängen. Natürlich braucht man irgendwann auch Kraft, aber Schwimmen ist eine technische Sportart. Klar ist es schwierig, jungen Leuten zu erzählen, dass sie das jetzt einmal anständig lernen sollten, und in fünfzig Jahren haben sie dann etwas davon. Was in fünfzig Jahren ist, ist vielen in dem Alter naturgemäß ziemlich egal.

(GuV) Welche Rolle spielt dabei der Schwimmunterricht in der Schule?

Franziska van Almsick: Eine große Rolle! Schwimmen lernen muss im schulischen Rahmen stattfinden, am besten schon während der Grundschule. In vielen Kommunen und Ländern ist Schwimmen ja schon Teil des Lehrplans. Anderswo war das früher mal so, aber dann wurde der Schwimmunterricht gestrichen, weil andere Sachen wichtiger waren. Beim Schwimmunterricht geht es auch nicht nur um die Bewegung und den Spaß. Es geht darum, Kinder vor dem Ertrinken zu bewahren. Kinder kommen einfach immer mit Wasser in Berührung, und wenn sie nicht schwimmen können, besteht immer die Gefahr, dass sie dabei ertrinken. Nicht Radfahren zu können ist blöd, aber dadurch stirbt man nicht. Beim Schwimmen ist das anders. Schwimmen rettet Leben.

(GuV) Welche Unterschiede gibt es zwischen dem Schwimmen im Schwimmbad und dem Schwimmen auf einem See oder im Meer?

Franziska van Almsick: Je nachdem, wo man schwimmt, ändern sich die Regeln. Und an diese Regeln muss man sich anpassen. Draußen in der Natur muss ich darauf achten, ob das Wasser sauber ist, wie der Wind steht, ob es Strömungen gibt. Auch das Wetter spielt dabei eine Rolle. Wenn Sturm oder Gewitter aufzieht, dann würde ich auf keinen Fall schwimmen gehen. Vielleicht denkt man sich dann: Das ist jetzt aber blöd, aber trotzdem warte ich besser. Das ist im Schwimmbad einfach anders. Dort sind die Bedingungen immer ideal. Aber wichtiger, als wo man schwimmt, ist, dass man davor schwimmen lernt. Denn es gehen immer weniger Kinder in die Schwimmhalle, um wirklich zu schwimmen. Spaßbäder sind super: die Rutschen, das Wellenbad, das ist alles mega! Aber dann wird nur noch gerutscht, und danach hundepaddelt man zur Treppe, hat die drei Meter überbrückt, und dann ist auch schon gut. Da denke ich mir: Traut den Kindern mehr zu! Man sollte nicht meinen, dass ein Kind, das tagein tagaus die Wasserrutsche runtersaust, auch schwimmen kann. Der Glaube ist nämlich sehr fatal.

(GuV) Haben Sie sich beim Schwimmen in der Natur schon einmal so überschätzt, dass Sie in Gefahr geraten sind?

Franziska van Almsick: Nein, zum Glück nicht. Ich bin aber auch wirklich sehr vorsichtig, was das angeht. Wahrscheinlich resultiert das aus dem Wissen, was im Wasser alles passieren kann, wenn man nicht vorbereitet ist. Wenn ich irgendwohin komme, wo Wasser ist, dann checke ich erstmal alles ab. Und erst wenn für mich alles passt, gehe ich auch schwimmen. Manchmal stehen ja auch Schilder am Ufer, dass das Baden hier verboten ist. Da würde ich niemals ins Wasser gehen! So eine Warnung hat immer einen Grund. Deswegen sollte man sie nicht einfach in den Wind schlagen. Leider gibt es viele Leute, die die Gefahr unterschätzen. Ich würde zum Beispiel auch nicht einfach von irgendeiner Klippe springen. Man muss sich immer zuvor vergewissern, wie die Umstände vor Ort sind. Da bin ich schon ein Sicherheitsfanatiker. Ich möchte nicht ein so unkalkulierbares Risiko eingehen. Man muss sich immer darüber im Klaren sein, wo man gerade ist und welche Gefahren es dort gibt.

(GuV) Die Initiative ‚Deutschland schwimmt‘ richtet sich speziell an Kinder. Aber bestimmt gibt es auch viele Erwachsene, die gar nicht oder nur schlecht schwimmen können. Wie kann man diese Leute motivieren, im fortgeschrittenen Alter doch noch einmal Schwimmen zu lernen?

Franziska van Almsick: Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass es eine hohe Dunkelziffer von Erwachsenen gibt, die nicht schwimmen können. Wie hoch die genau ist, weiß aber kein Mensch, weil niemand gerne verrät, dass er oder sie nicht schwimmen kann. Kinder kann man natürlich viel einfacher motivieren. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass man als Erwachsener immer ein Vorbild für die Kinder ist. Bei vielen Interviews werde ich gefragt: Wie kann ich die Kinder zum Schwimmen motivieren, wenn ich selbst nicht schwimmen kann oder will? Meine Antwort darauf lautet dann, dass man sich selbst in den Hintern treten und mit gutem Beispiel vorangehen muss. Oder sich im umgekehrten Sinn einfach mal von den Kindern mitziehen und motivieren lassen sollte. Vielleicht können sich Erwachsene, gerade Eltern und Großeltern, auch den Kindern oder Enkeln anschließen, und durch ein generationenübergreifendes Schwimmtraining auf spielerische Art gemeinsam mit den Kindern lernen.

(GuV) Das wird aber nicht im Rahmen der Initiative ‚Deutschland schwimmt‘ geschehen, oder?

Franziska van Almsick: Nein, diese Initiative ist ausschließlich für Kinder gedacht. Kinder sind einfach der beste Ansatzpunkt, wenn es darum geht, die Zukunft zu verändern. Dabei geht es auch nicht darum, den nächsten Olympiasieger zu suchen, sondern darum, in den nächsten Jahren keine toten Kinder oder Jugendliche mehr zu haben, die ertrunken sind, weil sie nicht schwimmen konnten. Ich setze mich jetzt schon seit vielen Jahren dafür ein, dass mehr Kinder Schwimmen lernen. Es braucht einfach seine Zeit, das zum Beispiel auch schulpolitisch wichtig zu machen. Ich denke aber, dass das Problem im Grunde jedem bewusst ist. Nur wie wichtig es ist, das Problem jetzt endlich anzupacken, wird häufig schnell wieder vergessen.

(GuV) Scheiterte es bisher am Willen oder am Geld?

Franziska van Almsick: An beidem. Es gibt viele Kinder, die sich einen Schwimmkurs schlicht und ergreifend nicht leisten können, denn der kostet nun mal Geld. Die Kinder haben aber genauso ein Recht darauf, Schwimmen zu lernen! Wir fliegen zum Mond und schicken Satelliten ins Weltall. Wir machen ganz verrückte Sachen, aber wir kriegen es nicht gebacken, jedem Kind die Möglichkeit zu geben, einen Schwimmkurs zu belegen und anständig Schwimmen zu lernen. Mit dieser Initiative wollen wir einen Beitrag dazu leisten, das zu ändern. Das ist an manchen Orten schwieriger und anderswo weniger schwierig. In ländlichen Gebieten muss es zum Beispiel auch die entsprechenden Schwimmhallen geben. Aber den meisten Kommunen fehlt das Geld, und das erste, was dann geschlossen wird, weil es auch einfach teuer im Betrieb ist, ist das Schwimmbad. Das ist furchtbar traurig. All das macht es zu einer wahren Mammutaufgabe, für die man starke Partner mit ins Boot holen muss.

Das Interview führte Arne Schröder.

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