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Geschrieben: 21. März, 2017 in Mein Haustier
 
 

Griffelbeinfrakturen können jedes Pferd treffen

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Griffelbeine sind Relikte aus der Evolution des Pferdes. Dessen Vorfahr, das nur circa 50 Zentimeter große Hyracotherium oder Eohippus lief vor 55 Millionen Jahren noch auf vier Zehen der Hintergliedmaßen und drei Zehen der Vordergliedmaßen durch die Welt des Eozäns. Im Laufe der Jahrmillionen bildeten sich alle Zehen bis auf die mittlere zurück. Heute fußt das Pferd auf dem Röhrbein, dass jedoch beidseits von den so genannten Griffelbeinen flankiert wird, den zurückgebildeten zweiten beziehungsweise vierten Zehen. Über die Griffelbeinköpfchen sind sie gelenkig mit dem Röhrbein verbunden, allerdings nur proximal (Richtung Pferdekörper). Zehenwärts laufen die ohnehin dünnen Knochen noch schmaler aus. Was sie für Brüche prädestiniert. Griffelbeinfrakturen gehören zu den häufigsten Knochenbrüchen beim Pferd.

 

Fotoquelle: 123RF – Griffelbeinfraktur

Schläge oder erhöhte Belastung sind Hauptursachen

Ursache sind meist stumpfe Traumen, in der Regel Schläge auf den Mittelfuß. Den sich die betroffenen Pferde nicht selten selbst zuziehen, wenn sie beispielsweise auf der Weide ausschlagen und dabei ungünstig den Holzzaun treffen. Oder wenn sie bei Auseinandersetzungen mit Artgenossen auf der Weide einen Tritt abbekommen. Der Besitzer bekommt das meist erst mit, wenn die betroffene Gliedmaße anschwillt und sich schmerzbedingt eine – meist – gering- bis mittelgradige Stützbeinlahmheit einstellt (dabei vermeidet das Pferd, mit dem betroffenen Bein aufzutreten). „Besondere Dispositionen gibt es keine“, sagt Dr. Maren Hellige von der Klinik für Pferde der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Traumatisch bedingte Griffelbeinfrakturen treten also unabhängig von Alter, Rasse und Geschlecht bei allen Pferden auf, sowohl bei Freizeit- als auch Sportpferden. Der zehnjährige Ponyschecke hat also theoretisch dasselbe Risiko wie der junge Galopper.

Einen deutlich kleineren Anteil haben sogenannte Stressfrakturen. Sie kommen bei besonders belasteten Pferden vor und werden vor allem in den USA beschrieben, wo Sandböden vorherrschen und die Belastung der Pferdegliedmaßen im Reit- beziehungsweise Rennsport höher ist.

Schmerzhafte Verletzung mit relativ guter Prognose

Lahmheit, Schwellung und gegebenenfalls der Tastbefund ergeben die Verdachtsdiagnose auf Griffelbeinbruch. Typisch ist eine leichte Besserung der Symptome durch Schonung, was aber nicht von Dauer ist. Sobald das Pferd bewegt wird, verstärken sich Schwellung und Lahmheit wieder. Absichern kann der Tierarzt die Diagnose mit Hilfe von Röntgenaufnahmen – in der Regel werden zwei gemacht.

Die Prognose sei grundsätzlich gut, erklärt Dr. Hellige. Die Therapie hänge maßgeblich davon ab, wo sich die Fraktur befindet, ob es sich um einen offenen oder gedeckten Bruch handelt und ob das Bruchstück disloziert ist, sich also verlagert hat. Handelt es sich nur um ein kurzes Bruchstück im distalen (zehenwärts gerichteten) Teil des Griffelbeins, der nicht oder nur geringfügig verlagert ist und einen gedeckten Bruch, dann ist die Prognose sehr gut. Meist reichen dann Verbände, gegebenenfalls Schmerzmittel und eine sechs- bis achtwöchige Boxenruhe aus. Der Bruch heilt von selber ab, eine Röntgenkontrolle sollte den Heilungserfolg bestätigen und dann sind die Tiere nach passendem Aufbautraining nach circa drei bis vier Monaten wieder voll belastbar.

Wann die Operation unvermeidlich ist

Ist das Bruchstück verlagert, sollte es operativ entfernt werden. Auch danach ist noch eine mehrwöchige Boxenruhe angesagt. Zur OP rät Hellige auch dann, wenn sich ein übermäßiger Kallus (neugebildetes Knochengewebe) an der Bruchstelle gebildet hat. Denn der kann Druck auf den sehnigen Muskulus Interosseus ausüben, den so genannten Fesselträger. Eine Sehnenreizung verschärft das Problem. Bei den bereits erwähnten Stressfrakturen, auch Ermüdungsbrüche genannt, spielt der Interosseus vermutlich mit eine Rolle. Ist er hochbelastet, beispielsweise durch hohe Geschwindigkeit (Rennpferde), schwere Zugtätigkeit, Springen, rasche Wendungen oder auch aufgrund von Fehlstellungen, insbesondere steile Hufe, die zur Rückbiegigkeit führen, dann übt er über seine Faszien (Bindegewebe) Druck beziehungsweise Zug auf die Griffelbeine aus, die dann auch ohne Trauma von außen brechen können.

Komplizierte Brüche können teuer werden

Vorsichtiger in der Prognose beurteilt die Fachtierärztin für Pferde Griffelbeinfrakturen im oberen Drittel. „Sehr kritisch sind offene Trümmerfrakturen im proximalen Drittel“, sagt Hellige. Die Trümmerstücke einfach zu entfernen verbiete sich, weil die Griffelbeine, obwohl eigentlich nur ein Relikt der Evolution, immer noch eine gewisse Funktion haben – sie sind wichtig für die Stabilität des Fußwurzelgelenkes. Daher sollte in solchen Fällen eine Operation erfolgen und das Griffelbein mit Hilfe von Schrauben stabilisiert werden. „Das ist aufwendig und teuer“, räumt sie ein, die Prognose eher vorsichtig zu stellen. Während Pferdebesitzer bei konservativer Therapie ohne OP durchaus mit etwa 500 Euro Kosten für Untersuchung, Röntgenaufnahmen und Verbände davonkommen können, schlägt eine OP mit bis zu 2.500 oder gar 3.000 Euro kräftig zu Buche – auch bedingt durch einen längeren Klinikaufenthalt.

Autorin: Dr. Andrea Hammerl

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