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Geschrieben: 25. Mai, 2016 in Tiere & Umwelt
 
 

Kein Stress für werdende Mutterstuten – So vermeiden Sie Probleme mit der Trächtigkeit

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Anders als andere Haustiere bekommen Pferde eher selten Nachkommen – jedenfalls im Vergleich zu wild lebenden Artgenossen. Was nahelegt, dass die Haltung eine große Rolle spielt, hier also durchaus Luft nach oben besteht. Doch auch rassebedingt gibt es Unterschiede. Die Haflingerstutenherde des Bayerischen Haupt- und Landgestüts Schwaiganger kommt auf eine traumhafte Abfohlquote von knapp 90 Prozent.


Mutterstuten, Fotoquelle: 123RF

Dagegen bekommen üblicherweise nur 74 Prozent der gedeckten Warmblutstuten und 66 Prozent der Kaltblüter Nachwuchs, berichtet Gestütstierarzt Dr. Hans-Peter Remler. Die geringere Fruchtbarkeit von Kaltblutstuten begründet der Fachtierarzt mit dem für Kaltblüter üblichen Natursprung und dem geringeren Technikaufwand. Möglicherweise spiele auch der Rassestandard eine Rolle: Bei Kaltblütern gehöre schlicht dazu, dass sie sich an der oberen Gewichtsgrenze bewegten.

Um trächtig zu werden, sollten Stuten sich in einem optimalen Ernährungszustand befinden. Sowohl magere als auch fette Tiere nehmen deutlich schlechter auf. Ansonsten lässt sich die Fruchtbarkeit nur bedingt durch die Fütterung beeinflussen. Eine gewisse Wirkung wird ß-Carotin zugeschrieben, allerdings schätzt Remler den Erfolgszuwachs auf „im Promillebereich“. Wichtiger sei die Haltung: Licht, Luft, Bewegung und soziale Kontakte, idealerweise Herdenhaltung. So gesehen haben die Stuten in Schwaiganger optimale Bedingungen. „Unsere Zuchtstuten werden nicht geritten, können sich aber den ganzen Tag auf der Weide bewegen“, sagt Remler. Wobei mäßiges Freizeitreiten nicht das Problem ist – außer der Reiter nimmt jede Woche an einem Wanderritt teil. Turniersport fordert den Tieren jedoch Höchstleistungen ab, bringt (Transport- und Wettkampf-)Stress mit sich, außerdem eine erhöhte Keimbelastung durch den Kontakt mit vielen fremden Tieren. Daher konkurriert gleichzeitiger Leistungssport logischerweise mit der Fruchtbarkeit. Je weniger Stress die Stute hat, desto leichter wird sie tragend. Es sei denn, es liegt ein medizinisches Problem vor, z.B. Zyklusstörungen, Infektionen, Entzündungen und Tumore. Dann ist eine tierärztliche Behandlung angebracht.

Frühaborte häufiger als Spätaborte

Ist die Stute trächtig, so muss der Besitzer in fünf bis fünfzehn Prozent der Fälle mit einem Verlust des Embryos während der ersten 30 bis 40 Tage rechnen. „Diese Zeit ist die sensibelste Phase“, sagt Remler, der daher rät, Belastungen zu vermeiden. Viren und Bakterien sowie eine instabile Hormonlage seien die häufigsten Ursachen für Aborte. Auch Impfungen sollten während dieser Zeit unterbleiben. In Schwaiganger werden alle Stuten und Hengste schon rechtzeitig gegen das Equine Herpes Virus geimpft. Bei der Equinen Viralen Arteritis (Pferdestaupe) setzt Remler dagegen darauf, den Bestand frei zu halten. Geimpfte Tiere können nämlich nicht von zufällig infizierten unterschieden werden. Infizierte Hengste scheiden das Virus manchmal noch Jahre nach der Erkrankung mit dem Sperma aus.

Ist eine Stute für Frühaborte aus Hormonmangel bekannt, so kann der Tierarzt mit der Gabe von Progesteron die Chance erhöhen, dass die Stute tragend bleibt. Ab dem 45. Tag werden in der Gebärmutterschleimhaut dann Gestagene gebildet, die die Trächtigkeit stabilisieren. Nur noch 2,74 Prozent Aborte verzeichnet das Gestüt Schwaiganger zwischen dem 45. Tag und der Geburt. Die übliche Trächtigkeitsdauer beträgt 322 bis 387 Tage, durchschnittlich 336 Tage.

Zwillingsgeburten bei Pferden sind trotz hohem Anteil an doppelten Eisprüngen selten, da meistens einer oder sogar beide Embryonen resorbiert werden. Wird bei der ersten Trächtigkeitsuntersuchung eine Zwillingsträchtigkeit festgestellt, kann einer der beiden Embryonen abgetrieben werden, um die Überlebenschancen des anderen zu erhöhen. Denn häufig stirbt im achten Monat einer der Föten ab, was zur Frühgeburt auch des anderen, noch nicht lebensfähigen Zwillings führt. Nur ganz wenige Stuten bringen Zwillinge zur Welt. Beide sind dann deutlicher kleiner als Einlingsfohlen und oft auch schwächer. Ihre Überlebenschancen sind gering.

Nähen nur mit Fragezeichen

Durch mangelnden Scheidenschluss erhöht sich die Infektionsgefahr, und damit auch das Risiko eines Abortes. Viele Züchter setzen deswegen darauf, die Scheide der tragenden Stuten vom Tierarzt vernähen zu lassen. In der Vollblutzucht sei das gang und gäbe, sagt Remler. Damit geht der Züchter allerdings das Risiko von Rissen ein, wenn die Geburt unerwartet früh einsetzt. Mit jedem Eingriff verschlechtere sich der Scheidenschluss, daher verzichte er bei seinen Stuten darauf. „Ich habe keine einzige genähte Stute“, sagt er nicht ohne Stolz – die geringen Abortraten geben ihm Recht. Bei jungen Stuten stelle sich zudem die Frage, ob sie bei ungenügendem Scheidenschluss überhaupt zuchttauglich seien. Eher akzeptabel ist für den Fachtierarzt, ältere Stuten mit altersbedingt schwächerem Gewebe zuzunähen.

Bis ins letzte Trächtigkeitsdrittel hinein kann die Stute – bei unproblematischem Verlauf – moderat geritten oder anderweitig gearbeitet werden. Es empfiehlt sich, Impfungen bis etwa zwei Monate vor der Geburt aufzufrischen, so dass das Fohlen über die Kolostralmilch (erste, antikörperreiche Milch) optimal mit Immunschutz versorgt wird. Denn beim Pferd gelangen Antikörper der Mutter nicht über die Plazenta in den Blutkreislauf des Fohlens. Innerhalb von vier Stunden nach der Geburt sollte das Fohlen dann Kolostrum erhalten, da der Darm zu dieser Zeit am aufnahmefähigsten ist.

Wenn das Fohlen kommt…

Etwa eine Woche vor dem Geburtstermin sollte die Stute in die Abfohlbox gebracht werden, aber auch hier noch genügend Auslauf erhalten. Beobachtung ist wünschenswert, aber der Stute sollte die Chance gegeben werden, ihr Fohlen selbständig in einem Augenblick der Ruhe zu setzen. Was erfahrenen Stuten häufig gelingt: 90 Prozent der Fohlen werden nachts geboren, die meisten in unbeobachteten Momenten. Die ersten drei bis vier Tage sollte das Fohlen unter sorgfältiger Nachsorge stehen, um etwaige Komplikationen wie Mekoniumverhaltung, Harnblasenruptur, Infektionen oder Unverträglichkeiten rechtzeitig zu erkennen.

Während der Laktation muss die Futterration der Stute deutlich gesteigert werden, moderat ist das bereits im letzten Drittel der Trächtigkeit angesagt. Zum Raufutter gehört dann noch eine entsprechende Portion Kraftfutter, klassischerweise Hafer.

Autorin: Dr. Andrea Hammerl

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