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Geschrieben: 21. März, 2017 in International
 
 

Land und Leute hautnah kennenlernen – Unterwegs in historischen B&Bs in den USA

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„Heia-Bettchen suchen“, nennt es unser amerikanischer Freund Mike, wenn er das Internet für uns nach geeigneten Unterkünften durchforstet. Keine Hotels, nein B&B (Bed and Breakfast), also Bett und Frühstück sind angesagt. Anders als in Großbritannien, wo B&B für eher schlichte, preiswerte Privathäuser steht, geht es den B&B-Urlaubern in den USA nicht ums Sparen, sondern primär das besondere Erlebnis der familiären und/oder historisch interessanten Unterbringung.

Fotoquelle: © Dr. Andrea Hammerl – B&B in Indiana

Hotels können durchaus preiswerter sein, doch darum geht es ja nicht. Wer Spaß daran hat, interessante Menschen kennenzulernen, die auch mal mehr oder weniger schrullig erscheinen, der kommt bei B&B auf seine Kosten.

Im Teezimmer einer Arztgattin aus dem 19. Jahrhundert

Unser Highlight in dieser Hinsicht wird der Zweitages-Ausflug von Indiana nach Kentucky. Unterwegs besichtigen wir nahe Louisville die Höhle von Marengo und übernachten im Hall Place bei Karin und Gary in der Suite Romancier ihres 1852 erbauten Hauses. Wo heute die Gästezimmer – es gibt auch noch eine Suite Royse – eingerichtet sind, war früher der Küchentrakt untergebracht. Der Raum mit dem Billardtisch, der von 9 bis 21 Uhr genutzt werden darf, war vor 150 Jahren eine Terrasse. Karin kennt sich nicht nur bestens in der Geschichte des Hauses aus, sondern kennt auch alle Bewohner – alle, die zu dessen Geschichte beigetragen haben, von den ersten Besitzern, Theodosia und Dr. James Hall, über eine weitere Arztfamilie und noch eine Familie, bis zu der älteren Dame, die als Bibliothekarin arbeitete und es bis 1974 bewohnte. Baptisten kauften es für ihre Gemeinde, später wurde es in ein B&B umgewandelt. Zwei Monate, nachdem Karin und Gary es erstanden hatten, stellten sie fest, dass der Erbauer ein entfernter Verwandter war. So gibt es noch heute ein nach Dr. Hall benanntes Zimmer und einen „Tearoom Theodosia“.

Nippes ist allgegenwärtig, auf Regalen, Kaminsimsen, Tischchen und Fensterbänken – hier abzustauben ist eine echte Herausforderung. Sklaven gibt es nicht mehr, nur noch die ehemalige Sklaven-Küche, deren Tür deutlich niedriger ist als die zum gemütlichen Frühstücksraum, wo uns Karin am Morgen Kaffee, Orangensaft, Obst mit Cream, Bacon & Eggs sowie delikate Waffeln mit Ahornsirup serviert. Sie ist entzückt, gleich zwei Familien aus Deutschland zu Gast zu haben und verweist auf die „little Chance“ – die geringe Wahrscheinlichkeit – solch einen Treffer zu landen. Schließlich war ihre Großmutter Deutsche.

Vom Sezessionskrieg in die Höhlen eines Nationalparks

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Fotoquelle: ©Dr. Andrea Hammerl – atmosphärischen Ambiente im B&B Hall Place

Wir lassen uns das reichliche Frühstück schmecken und fühlen uns in jene Zeit zurückversetzt, als das damals noch sehr junge, knapp zehn Jahre alte Haus während des Amerikanischen Bürgerkriegs Hauptquartier der Unionstruppen der Nordstaaten war. Karin ist ein absoluter Fan des Sezessionskrieges, hat unzählige Bücher zu dem Thema gesammelt. Die sind überall zu finden, nicht nur in Regalen, nein, sie stehen sogar am Rand der Treppe ins Obergeschoss, säumen sie sozusagen. Der Treppe gegenüber stehen zwei Uniformen rechts und links eines Sideboards, die eine Blau, die andere Grau. Originaluniformen der Nord- beziehungsweise Südstaatentruppen, einschließlich der Schuhe und Degen. Irgendwann müssen wir uns losreißen aus dem atmosphärischen Ambiente, denn die Höhlen rufen. Wir besichtigen Teile der nahe gelegenen Mammuth Cave, die mit 627 kartierten Kilometern die größte bekannte Höhle ist.

Gemeinsames Frühstück mit Deutschlandkarte und interessanten Gesprächen

Nicht ganz so romantisch – oder martialisch, das kommt auf die Sichtweise an – wie im Hall Place ergeht es uns auf unserer Tour nach Chicago und an die großen Seen. In Chicago begnügen wir uns mit einem Hotel und wissen anschließend die heimelige Atmosphäre in den nächsten B&Bs wieder so richtig zu schätzen. Im 1887 von einem Saloonkeeper erbauten und nach ihm benannten Michael Cahill House in Ashtabula, Ohio, sind wir bei Pat und Paul Goode bestens aufgehoben. Paul spricht sogar Deutsch, denn er ist von seiner Abstammung her „mainly German, a bit Irish“. Das ist das Faszinierende an den Amerikanern: Sie sind sich ihrer europäischen Herkunft bewusst, sind stolz darauf. Vor allem aber sind sie alle in erster Linie Amerikaner – egal, woher ihre Vorfahren einst kamen. Am Frühstückstisch erfahren wir von den Gastgebern nicht nur, aus welchen Teilen Europas ihre Vorfahren einst in die USA auswanderten, sondern auch von den anderen Gästen. Wir frühstücken zu sechst in familiärer Atmosphäre. Einer erzählt von seiner Arbeit als Diätassistent. Er ist nach Ashtabula gekommen, um seine Eltern zu überreden, zu ihm nach Florida zu ziehen. Es gibt Erdbeeren, zwei Sorten Pie, selbstgebackenen Hefekuchen, dazu Kaffee und Orangensaft.

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Fotoquelle: © Dr. Andrea Hammerl – Schlafzimmer im B&B Michael Cahill Hoouse Ashtabula, Ohio

Pat und Paul sind sehr interessiert an ihren Gästen, holen einen Deutschlandatlas und lassen sich deren Heimatorte zeigen. Zum Zahlen werden wir dezent in die Küche gewunken und kommen nach der Rückkehr ins Frühstückszimmer prompt wieder ins Gespräch mit den drei jungen Männern, die wie wir hier übernachtet haben.

B&B ist also auch bei jungen Leuten angesagt, nicht nur älteren Ehepaaren oder Familien. Der Komfort ist vergleichbar mit Hotels, nur viel gemütlicher, und das individuelle Frühstück ist ebenfalls ein Pluspunkt, denn in den meisten Hotels gibt es keins, jedenfalls keins, das im Preis enthalten wäre. Und ehe sich der Urlauber ein überteuertes Hotelfrühstück schmecken lässt, ist er besser beraten, um die Ecke in eins der unzähligen Cafés zu gehen, wie sie an jeder Ecke in amerikanischen Städten zu finden sind.

Autorin: Dr. Andrea Hammerl

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