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Geschrieben: 17. August, 2016 in Ratgeber Tipps & Trends
 
 

Nahtoderfahrungen – Ein Blick ins Jenseits oder doch bloß Neuronenfeuerwerk?

42068852 - dead patient in hospital corridor
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Der Tod ist wohl das größte Mysterium des Lebens. Ist er ein Zustand? Oder ein Ort? Ist er das Ende des Lebens oder der Übergang in ein neues? Oder beides? Und ist die Grenze zwischen Leben und Tod eine Einbahnstraße oder kann man zwischen beiden hin und her reisen? Seit Jahrtausenden fragen sich nicht nur die Philosophen, was der Tod ist und was er bedeutet. Immer wieder wagen sich Mutige an Erklärungsversuche – eine endgültige Antwort hat noch niemand gefunden.

Nahtoderfahrungen, Fotoquelle: 123RF

Seit einigen Jahrzehnten interessieren sich die Wissenschaftler für ein besonderes Phänomen, von dem sie glauben, dass es endlich mehr Klarheit in die Debatte bringen könnte: Nahtoderfahrungen.

Manche Betroffene erzählen von einem Tunnel, von einem blendenden Licht an dessen Ende, dass sie einsaugte. Andere berichten, sie hätten ihr Leben noch einmal an sich vorbei ziehen sehen, all die Freude und das Leid, dass sie verursacht hätten. Oder sie behaupten, sie hätten dieses unglaubliche Glücksgefühl verspürt, kristallene Städte geschaut und mit Engeln gesprochen. Auch das Gefühl, über dem eigenen Körper zu schweben und das Treiben drum herum zu beobachten, eine sogenannte außerkörperliche Erfahrung oder ‚out-of-body-experience‘ (OBE), wird geschildert. Rund fünf Prozent der Deutschen berichteten, sie hätten selbst eine Nahtoderfahrung erlebt. Doch anscheinend ist eine NTE nicht immer ein positives Erlebnis. Zwei Fünftel der Betroffenen gaben an, sich seit diesem Erlebnis noch stärker vor dem Tod zu fürchten.

Zum ersten Mal in den wissenschaftlichen Fokus gerückt, wurden Nahtoderfahrungen, kurz NTE, vom amerikanischen Philosophen Raymond Moody in seinem 1975 erschienen Buch ‚Life after Life‘. Darin hatte er 150 Berichte über Nahtoderfahrungen gesammelt. In ihren Einzelheiten unterscheiden sich diese Berichte durchaus, trotzdem weisen sie häufig ähnliche Muster auf. Ob diese Muster dem Phänomen selbst geschuldet oder Folge gegenseitiger Beeinflussung sind, ist ebenso umstritten, wie die Frage, ob das Erlebnis ‚Nahtoderfahrung‘ metaphysischer oder biochemischer Natur ist.

Als sich zwischen Leben und Tod eine Tür öffnete

Dass Nahtoderfahrungen überhaupt möglich sind, liegt maßgeblich an dem österreichisch-amerikanischen Arzt Peter Safar. Dieser hatte in einem 1957 veröffentlichten Buch beschrieben, wie man durch Herzmassage und Beatmung eine Person nach einem Herzstillstand wiederbeleben kann.

Der Herzstillstand war zuvor die Grenze zwischen Leben und Tod gewesen. Nun wurde diese Grenze plötzlich durchlässig. Der Tod, der zuvor ein durch nichts rückgängig zu machender Zustand war, wurde dadurch zu einem umkehrbaren Prozess. Safars Methoden wurden noch weiter verbessert, zu Herzmassage und Beatmung kam noch die Kühlung hinzu, die die Überlebensdauer nach einem Herzkreislaufstillstand immens erhöhte.

Doch diese Möglichkeiten der Reanimation ließen auch erneut eine uralte Frage aufkeimen: Was passiert mit unserem Bewusstsein, wenn der Körper ‚den Geist aufgibt‘? Gibt es so etwas wie eine Seele, die unabhängig vom materiellen Dasein existiert? Darüber streiten sich auf der einen Seite die ‚Materialisten‘, auf der anderen Seite stehen die ‚Spirituellen‘.

Materialisten vs. Spirituelle

Die Materialisten gehen davon aus, dass der Geist/die Seele des Menschen ein Produkt zwar komplexer, aber letztlich doch wissenschaftlich erklärbarer biochemischer Vorgänge im Gehirn ist. Der Geist ist für sie eine schlichte Projektion des Gehirns. Stirbt das Gehirn, erlischt auch die Projektion. Der Geist existiert nur so lange, wie das Gehirn arbeitet. Die Spirituellen hingegen sehen Nahtoderfahrungen als einen Beweis für die Existenz einer Nachwelt bzw. einer spirituellen, immateriellen Welt, in die der Geist eintritt, nachdem er die Verbindung zum Körper gekappt hat.

Im Lager der Spirituellen

Prominentester Vertreter der Spirituellen ist wohl der niederländische Arzt und Wissenschaftler Willem ‚Pim‘ van Lommel. Dieser sieht in der Tatsache, dass nur sehr wenige der von ihm untersuchten Patienten eine Nahtoderfahrung machten, den Beweis dafür, dass es sich nicht um ein rein physiologisches Phänomen handeln könne. „Wenn rein physiologische Faktoren, die beispielsweise aus Sauerstoffmangel resultieren, der Auslöser sein sollten, hätten die meisten unserer Patienten diese Erfahrungen machen sollen“, sagt er.

Auch Raymond Moody und die schweizerisch-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross sind Verfechter des spirituellen Ansatzes. Sie gehen sogar soweit, Nahtoderfahrungen in einem 4-Stufen-Modell zu standardisieren. Demnach verlasse zunächst die Seele den Körper, woraufhin sie Engeln und Geistwesen begegne. Danach folge eine Art des Übergangs, symbolisiert durch einen Tunnel, ein Tor oder einen Fluss. Hierauf folge das Licht, das für Liebe und Göttlichkeit stehe.

Der Erklärungsansatz der Materialisten

Während manche Forscher des materialistischen Lagers Nahtoderfahrungen für schlichte Halluzinationen halten, die durch Sauerstoffmangel und eine Ausschüttung entsprechender Botenstoffe herbeigeführt werden, erklären sich andere Vertreter der Materialisten Nahtoderfahrungen durch eine verstärkte Hirnaktivität zum Zeitpunkt des Todes. So gelang es z.B. der Neurowissenschaftlerin Jimo Borjigin von der University of Michigan, die Hirnaktivität von Ratten kurz nach einem Herzstillstand zu messen. Das Ergebnis: Kurz nach dem Herzstillstand stieg die Hirnaktivität rapide an. Diese Hirnaktivität könne der Auslöser für sogenannte Nahtoderfahrungen sein. „Ohne Input von außen, im Leerlauf also, dreht die Maschine etwas höher“, sagt auch Michael Schroeter, Neurologe und Professor an der Universitätsklinik Köln.

Licht am Ende des Tunnels

Auch bei der Erklärung des Tunnel-Phänomens, das in den meisten NTE eine Rolle spielt, scheiden sich die Geister. Für viele Materialisten, so z.B. auch für den Neurowissenschaftler und ehemaligen Direktor des Instituts für Hirnforschung der Universität Bremen, Gerhard Roth, erklärt es sich durch den Sauerstoffmangel, der auch die Hornhaut, die Netzhaut und den Sehnerv beeinflusse. So entstünde der Eindruck, man sehe einen Tunnel, an dessen Ende Licht scheine.

Dieser Ansicht widerspricht der Biophysiker Markolf Niemz. „Die Seele wird beim Sterben bis auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt“, sagt er und verweist auf den sogenannten Scheinwerfereffekt: Aus der Perspektive eines beschleunigten Objekts komme das gesamte Umgebungslicht gebündelt wie bei einem Scheinwerfer direkt von vorn. „Und auf diese Weise entsteht der Eindruck eines Fluges durch einen Tunnel, an dessen Ende Licht zu sehen ist.“

Die Grenzen der Gewissheit

Über den Prozess des Sterbens weiß man heutzutage schon eine ganze Menge. Über den Tod vermeintlich verschwindend wenig. Liebhaber von Geheimnissen können also aufatmen: Wir sind wohl noch lange nicht soweit, endgültig zu wissen, was es nun mit dem Tod und dem Phänomen ‚Nahtoderfahrung‘ auf sich hat. Manche mag die Aussicht auf ein wie auch immer aussehendes Leben nach dem Tod beruhigen und trösten. Andere werden auch weiterhin die Existenz einer immateriellen Geistebene bestreiten und als wortwörtliches Hirngespinst abtun. Wer Recht hat? Man weiß es nicht. Glaube kommt ja auch nicht von Wissen.

Quellen:
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/01/nahtoderfahrung-sterben-forschung-gehirn
http://www.welt.de/wissenschaft/article118963950/Forscher-kommen-Nahtoderlebnis-auf-die-Spur.html
http://www.spiegel.de/spiegelwissen/nach-einem-nahtoderlebnis-wollen-viele-menschen-ihr-leben-aendern-a-898592.html
http://www.sueddeutsche.de/wissen/nahtod-erfahrungen-der-tod-ist-ein-potenziell-reversibler-prozess-1.2167764
http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/62660/

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