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Geschrieben: 14. Januar, 2016 in Aktuelles | Ernährung
 
 

Orthorexie – Wenn gesunde Ernährung krank macht

Orthorexie, Essstörung Fotoquelle: 123RF
Orthorexie, Essstörung Fotoquelle: 123RF
Die Ernährung macht heutzutage einen großen Teil unseres Selbstverständnisses aus. Nie war ‚Du bist, was du isst‘ zutreffender. Die Industrie spielt bei diesem Theater eine der Hauptrollen, indem sie uns ständig scheinbar individualisierte Produkte vorstellt, die allesamt vorgeben, genau unsere persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Ernährung wird so zu einer Art der Selbstverwirklichung erhoben, zu einem Glaubensbekenntnis, wie man sein Leben gestalten kann – und gefälligst auch sollte.

Orthorexie / Ernährungsstörung, Fotoquelle: 123RF

Tut man es nicht, so wird der Eindruck erweckt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man Pickel & Krebs bekommt, Haare und Nägel ausfallen, man schließlich depressiv wird oder plötzlich das Herz den Dienst quittiert. Da überrascht es nicht, dass sich unter diesem Druck verunsicherte Konsumenten dazu entschließen, alles in den Dienst einer gesunden Ernährung zu stellen. Das ist gut gemeint. Aber wie so vieles, was an und für sich gut gemeint ist, kann man es auch mit der ‚gesunden Ernährung‘ übertreiben. Dann wird die tägliche Ernährung zum zermürbenden Kampf. Dieser Kampf hat einen Namen: Orthorexie.

Es soll ja mittlerweile Mütter geben, die ihr Kind nicht mehr stillen. Und zwar nicht aus triftigen, medizinischen Gründen, sondern weil diese Mütter sich vegan ernähren – und das auch für ihre Kleinen gelten soll. Und Muttermilch ist nun mal nicht vegan. Dass die Natur es so eingerichtet hat, dass die Brüste von Müttern anschwellen und Milch produzieren, um den Säugling mit allen nötigen Nährstoffen zu versorgen, wird völlig ausgeblendet. Es ist dies das perfekte Beispiel für eine Art der Ernährung, die nicht mehr natürlichen Bedürfnissen folgt, sondern sich der Angst unterwirft, alles nicht-Vegane wäre gesundheitsschädlich. Es ist das perfekte Beispiel für eine ‚orthorektische Ernährung‘.

Orthorexie – Was ist das?

Der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff ‚Orthorexie‘ bezeichnet den ‚Richtige Appetit‘ und wurde 1997 vom amerikanischen Mediziner Steven Bratman in Anlehnung an die Anorexie (Magersucht) erfunden. Orthorexie steht dabei für ein zwanghaft ausgeprägtes Verhalten, sich gemäß den eigenen Maßstäben gesund zu ernähren. Die Ernährung wird zur Glaubenssache, zur Ideologie erhoben, deren Befolgen den Betroffenen einen wahren Leidensdruck verursacht. Gesund zu essen wird zur Besessenheit. „Dann hat gesundes Essen krankhafte Ausmaße angenommen“, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Ulrich Voderholzer, ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.

Auf dem Index landen je nach persönlicher Überzeugung Milchprodukte, Weizenprodukte, Zucker sowie Obst und Gemüse ohne eines der zahlreichen Bio-Siegel. Immer mehr Zeit wird auf die Planung und Beschaffung solch scheinbar gesundmachender Lebensmittel verwendet. Lebensmittel, die diesen Anforderungen nicht genügen, werden als Bedrohung wahrgenommen. Ihr Verzehr zieht Schuldgefühle und die Angst vor möglichen gesundheitlichen Folgen nach sich. Das kann so weit gehen, dass ein Apfel verschmäht wird, über dessen Herkunft oder individuellen Nährwert man nicht genauestens Bescheid weiß. Mögliche Folgen sind eine extrem einseitige Ernährung, die unter Umständen auch in Mangelerscheinungen mündet.

Ist Orthorexie nun eine Krankheit oder nicht?

Leugnen kann man das Phänomen der Orthorexie nicht. Dennoch ist man sich bisher nicht einig, ob es sich nun um eine Krankheit handelt oder nicht. Manche Ärzte sehen die Orthorexie bloß als einen Spleen, eine kauzige Eigenart. Andere verstehen sie als eine Zwangsstörung und mögliche Vorstufe zu anerkannten Krankheitsbildern, wie zum Beispiel Magersucht. Denn wie auch bei Anorexie-Patientinnen und -Patienten haben Orthorektiker häufig das Bedürfnis nach Kontrolle in einer als unübersichtlich und chaotisch wahrgenommenen Umwelt. „Orthorexie ist vielfach das Ergebnis einer Suche nach Orientierung in einer komplexen Gesellschaft. Gesundes Essen wird zur Ersatzreligion, stabilisiert das Selbstwertgefühl“, erklärt Voderholzer.

Dennoch ist die Orthorexie keine anerkannte Essstörung wie Magersucht, sondern bestenfalls eine verhaltenspsychologische Ernährungsstörung. Die Parallele liegt darin, dass Betroffene ihrer Ernährung einen unangemessen hohen Stellenwert einräumen. So kann ein wahrer Leidensdruck entstehen. Dennoch sind Orthorektiker von dem Sinn ihres Verhaltens überzeugt und versuchen häufig auch, ihre Umwelt zu bekehren. „Jemand, der orthorektisch handelt, findet das richtig und fühlt sich denen überlegen, die sich nicht an solche Ernährungsregeln halten“, sagt Thomas Huber, Chefarzt am Fachzentrum für gestörtes Essverhalten in Bad Oeynhausen.

Wie diagnostiziert man eine Orthorexie?

Laut einer Onlinestudie des Instituts für Experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf leiden rund zwei Prozent der deutschen Bevölkerung an Orthorexie. Da sie bisher nicht offiziell als Krankheit anerkannt wird, gelten eine Reihe von Symptomen lediglich als Anhaltspunkte für eine Orthorexie: Der Gedanke, sich gesund ernähren zu müssen um Krankheiten abzuwenden, besteht dauerhaft und auch außerhalb der normalen Essenszeiten. Werden die aufgestellten Essensregeln nicht eingehalten, leiden Betroffene unter Schuldgefühlen und Ängsten vor möglichen negativen Auswirkungen ihres ‚ungezügelten Konsums‘. Außerdem versucht man, das direkte Umfeld von den selbst aufgestellten Regeln zu überzeugen, die Umwelt gewissermaßen zu ‚missionieren‘. So wird die Richtigkeit des eigenen Handelns bestätigt und das damit verbundene Gefühl der Sicherheit verstärkt – und der Missionierende häufig sozial isoliert.

Denn bei all den Regeln, die man sich selbst auferlegt hat, wird das gemütliche Essen mit Familie und Freunden immer mehr zum Spießrutenlauf. Einladungen werden ausgeschlagen, weil sich Betroffene nicht sicher sein können, dass die Speisen ihren extremen Anforderungen genügen. Essen als Teil des gesellschaftlichen Lebens wird nahezu unmöglich. Macht man sich einmal bewusst, wie präsent und bedeutend das gemeinsame Essen in unserer Kultur ist, erkennt man schnell die Gefahren einer solchen Entwicklung. „Das Risiko für eine Depression ist wegen des weggebrochenen Beziehungsnetzes deutlich erhöht“, bestätigt auch Voderholzer.

Kann man eine Orthorexie therapieren?

Es existieren bisher weder Leitlinien zur Therapie einer Orthorexie noch ein Behandlungsplan. Am besten fragen Betroffene oder Menschen, die die Befürchtung haben, ihr eigenes Essverhalten oder das ihrer Familienangehörigen sei nicht ‚normal‘, daher einen Psychologen und Psychotherapeuten um Rat, der sich auf Ernährungsstörungen spezialisiert hat. Gerade wenn die oder der Betroffene extrem an Gewicht und Leistungsvermögen verliert, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Denn dann hat sich das Bemühen, den eigenen Körper gesund zu halten, ganz klar in das Gegenteil verkehrt. Generell muss das Ziel sein, Betroffenen wieder zu zeigen, dass gesunde Ernährung in Ordnung und sogar wünschenswert ist. Diese gesunde Ernährung darf jedoch nicht zum Zwang werden. Trauen Sie Ihrem Körper ruhig zu, das Beste aus dem zu machen, was Sie ihm geben. Es muss ja nicht gerade das Maxi-Menü aus dem Drive-Through sein. Und wenn doch: Lassen Sie es sich einfach schmecken! Ihre nagenden Schuldgefühle machen Sie letztlich nämlich kränker als die Inhaltsstoffe im Burger…

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