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Geschrieben: 14. September, 2016 in Krankheiten von A-Z | Rücken | Schmerz
 
 

Rückenschmerzen – Konservativ behandeln, OP oder Neuromodulation?

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Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit. Laut Forschungsverbund neuropathischer Schmerz leiden circa 17 Prozent der Bevölkerung an chronischen Schmerzen, davon 800 000 an schweren, schwer zu therapierenden Schmerzsyndromen. Das schlägt sich auch mit Kosten von jährlich bis zu 25 Milliarden Euro nieder. 400 000mal im Jahr wird die Diagnose Bandscheibenvorfall, inklusive 250 000mal „unspezifische Rückenschmerzen“ im Krankenhaus stationär behandelt.

Reha-Sport bei Rückenschmerzen können den Schmerzen entgegenwirken, Fotoquelle: 123RF

Rückenschmerzen sind die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Nicht immer sind sie mit gängigen Methoden in den Griff zu bekommen, ob konservativ oder operativ. Die meisten Patienten mit chronischen Rückenschmerzen haben Probleme in der Lendenwirbelsäule beziehungsweise im Kreuzbeinbereich. Kennzeichnend sind dafür brennende, ziehende Rückenschmerzen, die ins Bein ausstrahlen, vom Fachmann „Ischialgie“ und „Lumbalgie“ genannt. Ursache sind die Abnutzung der Wirbelsäule und degenerative Veränderungen wie beispielsweise der Bandscheibenvorfall. Das sind fortschreitende Prozesse, in der Regel geht die Kaskade weiter. Wenn eine Bandscheibe kaputt geht, kann eine Operation helfen, den akuten Zustand in den Griff zu bekommen, aber die anderen Bandscheiben werden davon auch nicht jünger.

Möglichst früh behandeln

Konservativ behandelt wird mit Physiotherapie, Medikamenten, Schmerztherapie, Kuren und Reha-Maßnahmen. Die wirken umso besser, je früher sie angewendet werden. „Ein großes Problem sind lange Wartezeiten“, sagt Physiotherapeutin Nadine Franke-Strauß, Regionalleiterin im Verband Physio Deutschland. Sie beobachtet, dass Patienten immer jünger werden, vorwiegend seien sitzende Berufsgruppen betroffen, Handwerker eher weniger. Bis sie Termine bei Fachärzten und gegebenenfalls Röntgentermine bekommen, vergehe einfach zu viel Zeit, ehe die Diagnose stehe. Zwar würden Hausärzte durchaus Physiotherapie verschreiben, doch selten mehr als ein Rezept für sechs Anwendungen, weil es ihre Budgets der Krankenkassen nicht mehr zulassen. „Viele landen erst nach sechs bis zwölf Wochen bei uns“, bedauert die Krankengymnastin. Hinzu kämen dann gegebenenfalls noch Wartezeiten in den Physiotherapiepraxen – jedenfalls in der Boomregion Ingolstadt, da hier keine Physiotherapeuten zu finden seien. Ein Teufelskreis. Je länger Patienten auf Behandlung warten müssen, desto größer ist das Risiko, dass die Schmerzen chronisch werden. Zudem dauert die Behandlung länger. „Bei akuten Fällen können zwei Rezepte ausreichen“, meint Franke-Strauß, „je länger man wartet, desto schwieriger und langwieriger wird es“. Ziel der Therapie ist zunächst, die Entzündung zurückzudrängen. Dafür werden Schmerzmittel eingesetzt, die auch entzündungshemmend wirken.

Bewegung ist das A und O

Der Physiotherapeut unterstützt mit Bewegungstherapie und versucht, den Körper zu stabilisieren. Bewegungstherapie allein reicht nicht immer aus, ergänzend kann Manuelle Therapie sinnvoll sein. „Damit werden Blockaden gelöst und Gelenke mobilisiert“, erklärt Franke-Strauß. Andernfalls mache Bewegungstherapie wenig Sinn. Bewegung sei, wie Studien belegen, ohnehin das Wichtigste – therapeutisch wie vorbeugend.

„Die größte Katastrophe ist, dass wir uns zu wenig bewegen, im Extremfall nur noch sitzen“, sagt auch Neurochirurg Dr. Joachim Harth aus Würzburg. Laufen sei gut, aber das allein reiche nicht. Jeder sollte vorbeugend etwas für den Muskelaufbau tun. Das kostet Zeit. Spätestens wenn Schmerzen da sind, muss der Patient aktiv werden, beispielsweise Schwimmen gehen. „Tut er es nicht, wird jeder Arzt mit seiner Therapie scheitern“, meint Harth. Er empfiehlt, mindestens zweimal die Woche angestrengt zu trainieren, sich einmal die Woche im Schwimmbad im Wasser treiben lassen, reiche nicht aus.

Gute Erfahrungen macht Franke-Strauß mit Reha-Sport. 50 Einheiten innerhalb von anderthalb Jahren bezahlen die Krankenkassen. „Das ist ein psychosoziales Angebot mit viel Spaß – und es scheint zu wirken“, berichtet sie, „Bewegung und Spaß an der Bewegung ist das A und O“. Chronische Schmerzpatienten müssten motiviert werden und – im Gegensatz zu Akutpatienten – auch mal über die Schmerzgrenze hinausgehen, um zu testen, ob wirklich der Körper Probleme mache oder sich schlicht der Schmerz im Kopf festgesetzt hat.

Neuromodulation als letzte Option

Manchen Patienten aber ist mit klassischen Methoden einschließlich OP nicht zu helfen. Eine Reservemethode für austherapierte Patienten ist die Neuromodulation, ein reversibles Verfahren, bei dem über Nervenstimulation Schmerzwahrnehmung und -weiterleitung verändert werden, um Schmerzen zu lindern. Harth wendet die Methode seit 20 Jahren an, findet aber, immer noch zu selten. Die Kassen übernehmen die Kosten erst – jedenfalls in 80 bis 90 Prozent der Fälle – wenn alles andere nicht geholfen hat.

Es gibt zwei Arten der Neuromodulation. Zum einen die eher selten angewendete intrathekale Medikation, bei der Schmerzmittel über Sonden oder Schläuche direkt in den Wirbelkanal eingebracht werden. Vorteil sind die vergleichsweise geringen benötigten Mengen, gesteuert wird die Abgabe durch eine Pumpe unter der Bauchhaut. Zum anderen die Elektrostimulation über eine Sonde oder Nervenfeldstimulation. Der Patient löst mittels Fernbedienung Reize aus, die ein warmes, angenehmes Strömungsgefühl in den Beinen bewirken und so den Schmerz überlagern. In 80 bis 90 Prozent der Fälle wird so eine gute Schmerzlinderung erreicht. Die Kosten sind zwar mit etwa 20 000 Euro zunächst hoch, aber die eingesparte, jahrelange Medikamententherapie gegengerechnet, kommt es kostenneutral heraus und Nebenwirkungen der Medikamente entfallen.

Autorin: Dr. Andrea Hammerl

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