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Geschrieben: 25. August, 2016 in Mein Haustier
 
 

„Schlaganfall“ beim Hund – Wenn sich der Futternapf vor den Augen dreht

42204118 - veterinarian, vet, pet.
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Es sieht dramatisch aus: Der Hund läuft schief oder im Kreis herum, hält den Kopf schräg, fällt auf eine Seite, kann nicht mehr eigenständig aus dem Futternapf fressen, möglicherweise übergibt er sich, die Augen zucken rhythmisch hin und her (Nystagmus). Die Symptomatik tritt in der Regel sehr plötzlich auf, meist bei älteren Hunden. Die Verdachtsdiagnose des Besitzers lautet daher nicht selten: „Den hat der Schlag getroffen.“

Schlaganfall beim Hund, Fotoquelle: 123RF

Ein echter Schlaganfall im medizinischen Sinne ist beim Hund jedoch sehr selten. Die beschriebenen Symptome deuten auf das – vergleichsweise häufigere – sogenannte Vestibulärsyndrom hin. Das wird jedoch auch von vielen Tierärzten als „Schlaganfall“ bezeichnet. „Ich sage dem Tierbesitzer immer dazu, dass es kein richtiger Schlaganfall ist, aber landläufig so bezeichnet wird“, sagt Tierärztin Dr. Jutta Schiffer, die in ihrer Kleintierpraxis regelmäßig Hunde mit Vestibulärsyndrom behandelt. „Fast jede Woche ist einer dabei“, meint sie. Obwohl die Geschichte hochdramatisch beginnt und sich für Hund und Besitzer im ersten Moment hochproblematisch anfühlt, ist die Prognose dennoch günstig.

Pflegeintensiv, aber günstig in der Prognose

„Die meisten Hunde erholen sich spontan innerhalb von drei Tagen“, weiß die Kleintierpraktikerin. Zumindest geht es den meisten nach diesem Zeitraum deutlich besser. Während der akuten Phase ist das Tier jedoch auf intensive Pflege angewiesen. Die Patienten brauchen viel Zuwendung, viele müssen von Hand gefüttert werden, weil sich der Futternapf – aus ihrer Sicht – dreht. Hunde, die nicht selbständig laufen können, müssen zum Wasser lassen und koten hinausgetragen werden.

Während die Ursache beim echten Schlaganfall bekannt ist – ein Blutgefäß ist verstopft, was die Minderdurchblutung der davon versorgten Gehirnregion mit allen weiteren Folgeschäden bewirkt – ist nicht geklärt, wie das Vestibulärsyndrom entsteht. „Idiopathisch“ nennt es der Mediziner, wenn die Ursache unbekannt ist. Die Erkrankung entsteht sozusagen „aus sich selbst heraus“.

Was Tierarzt und Besitzer tun können

Unterstützen kann der Tierarzt die – meist in wenigen Tagen erfolgende – Selbstheilung, indem er dem Tier Infusionen gibt, um Kreislauf und Durchblutung zu stabilisieren. Auch gefäßerweiternde, also die Durchblutung fördernde Mittel können hilfreich sein. Ansonsten erfolgt eine symptomatische Behandlung. Hunden, denen schlecht ist, beziehungsweise die sich erbrechen, gibt der Tierarzt ein Antiemetikum. Cortison, das ist mittlerweile bekannt, beeinflusst die Heilung nicht und wird heute in der Regel beim Vestibulärsyndrom nicht mehr eingesetzt. Nicht immer bildet sich die Symptomatik komplett zurück. Border-Colliehündin Tammy, die mit elf Jahren am Vestibulärsyndrom erkrankte, behielt die Kopfschiefhaltung bei. Statt wie zu Beginn im Kreis zu laufen, driftete sie nach einiger Zeit nur noch leicht zur Seite. Tammy und ihr Besitzer kamen gut mit den Einschränkungen zurecht und die anfängliche Übelkeit samt Erbrechen legte sich. So wurde Tammy, nachdem sie schulmedizinisch austherapiert war, alternativmedizinisch nachbehandelt. Schiffer hat mit Homöopathie und Bioresonanz gute Erfahrungen gemacht, auch Akupunktur könne helfen, wenn Blockaden vorhanden seien. „Das sind dankbare Fälle, die ich immer ganzheitlich angehen würde“, sagt die Tierärztin. „Wichtig ist, dass das Tier fit ist.“ Alten Hunden können beispielsweise gerontologische Mittel zu einem besseren Allgemeinbefinden verhelfen. Lediglich in wenigen Fällen, wenn der pelzige Patient beispielsweise nur noch auf die Seite fällt, sollte sich der Besitzer im Interesse des Tieres zur Einschläferung durchringen. Wesentlich häufiger ist das beim echten Schlaganfall der Fall, der meist dramatisch verläuft und sich in der Regel nicht bessert. Vestibulärsyndrom und Schlaganfall unterscheidet der Tierarzt unter anderem am Bewusstsein. Hunde mit Vestibulärsyndrom sind bei vollem Bewusstsein, beim Schlaganfall ist das Bewusstsein hingegen eingeschränkt.

Ähnliche Krankheitsbilder

Anhand einer neurologischen Untersuchung stellt der Tierarzt fest, ob es sich um ein zentrales oder peripheres Vestibulärsyndrom handelt. Prognostisch günstiger ist die periphere Variante. Differentialdiagnostisch kommt hier, neben Polypen im Ohr, eine Mittelohrentzündung in Frage. Beide können eine Schiefhaltung des Kopfes bewirken. Eine Röntgenaufnahme des Kopfes bringt hier in Zweifelsfällen Klarheit.

Vom zentralen Vestibulärsyndrom sind Hirnblutungen und -infarkte, Schädel-Hirn-Traumen, degenerative Speichererkrankungen (beispielsweise Eisenspeicherkrankheit), Schilddrüsenüberfunktionen oder eine Vergiftung mit ototoxischen, also ohrschädigenden Mitteln, wie Aminoglykosid-Antibiotika, sowie Infektionen wie Staupe oder – bei der Katze – Feline Infektiöse Peritonitis (FIP) abzugrenzen. Bei der Katze ist das Vestibulärsyndrom allerdings selten.

Das Vestibulärsyndrom:

Das Vestibulärsyndrom ist nach dem Vestibularapparat, dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr, benannt. Es handelt sich also um eine Störung des Gleichgewichtsorgans. Sie tritt plötzlich und ohne erkennbare Ursache auf. Meist bessern sich die Symptome innerhalb weniger Tage, während derer der (meist) ältere Hund auf intensive Pflege angewiesen ist. Der Besitzer muss allerdings mit Rezidiven rechnen, also einem erneuten Auftreten, wenn der Hund schon einmal betroffen war.

Autorin: Dr. Andrea Hammerl

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