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Geschrieben: 21. März, 2017 in Buchtipp | Reisen & Erholen
 
 

Steinreich, vogelfrei! – Die Geschichte einer Alpenüberquerung auf eigenen Wegen.

11875626 - beautiful mountain ober gabelhorn - swiss alps
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Sanft und in vollkommener Schweigsamkeit ziehen Nebelschwaden über meinen Weg, wie milde Gespenster um die Felswände, umschmeicheln die Alpenrosen, deren Blüten herüber leuchten wie winzige Laternen. Die Natur ruht geheimnisvoll, ich weiß nicht, was mich erwartet. Schaue ich nach vorn, verliert sich der Pfad im Dunst… Seit 1992 bin ich alpensüchtig. Stehe ich auf einer Halde, hier bei mir im Ruhrgebiet, vernehme ich ihren Ruf am lautesten.

 

Fotoquelle: 123RF – Berg in den Aplen

Schließe ich die Augen, höre ich das Knirschen unter den Schuhen, das kratzende Auftippen der Wanderstöcke, das Knistern und Huschen im Gehölz. Ich spüre diese unbändige Lust auf einen langen Weg, diesen Drang aufwärts zu gehen, um mit tausend Perspektiven belohnt zu werden. Wenn sich dann nach Stunden der Einsamkeit die Berghütte zeigt werden mir schon mal die Augen feucht vor lauter Freude und Dankbarkeit. Dort wird man mir Essen, Wasser und einen Schlafplatz geben, dort werde ich mich ausruhen und Kraft für den nächsten Tag schöpfen.

Seit über einem Jahrzehnt wandere ich mit Heike, die meine Sehnsucht teilt und versteht. In den letzten Jahren haben wir beide die Alpen von Nord nach Süd überquert, auf eigenen Wegen, auf eigene Faust. 6 Monate hatte es gedauert, die Überquerung mitsamt Quartieren auszutüfteln.

Wir starteten am Nordufer des Starnberger Sees, wo er blassblau und noch fern vor uns lag: der 1.200 km lange Alpengürtel, seit Urzeiten fest um die Taille Mitteleuropas geschlungen. Mittendurch führte unser ausschweifender Zickzack-Weg, für den wir 40 in Etappen aufgeteilte Wandertage benötigten, jeweils eine durch Bayern, Tirol, Südtirol, das Trentino und Venetien. Nach 700 km endete unsere Fußreise in Bardolino. Hier, am südlichen Gardasee, folgt den Alpen das Tiefland der Pianura Padana, der Poebene.

Außer unseren eigenen hatten wir nie große Rucksäcke gesehen, Fernwanderer nehmen in der Regel andere Wege. Und obwohl wir etliche beliebte Urlaubsorte und -gebiete durchwanderten, und über die Pässe Brenner, Jaufen und Mendel gingen, waren wir auf den Wegen häufig unter uns und in den Berghütten nicht selten die einzigen Gäste. Selbst in der Gardasee-Region trafen wir, solange wir uns in der Höhe bewegten, nur wenige Menschen. Dass die Alpen viel Tourismus tragen und ertragen müssen, war auf unserer Überquerungsvariante kaum zu merken.

Im Rückblick hatte jede Etappe ihren Charakter, ihre spezifischen Merkmale. Die sechstägige Bayern-Etappe war der Weg der Farben – blau das Land Franz Marcs, sattgrün der Pfaffenwinkel und die Buckelwiesen bei Krün, bilderbuchhaft bunt der Ort Mittenwald an der türkisblauen Isar, golden beleuchtet die Karwendelwand, durch und durch grau das steinreiche Dammkar, farbenprächtig das Finale der Passami-Runde.

Die siebentätige Tirol-Etappe war die der Blumen. Noch nie sahen wir so viel Enzian, zum ersten Mal durfte ich ein wildwachsendes Edelweiß berühren. Auf dem Goethe-Weg hoch über Innsbruck fühlte ich mich nach ausgestandener Gefahr in der Nordkette schwach und klein und doch wie der liebe Gott selbst. Hier oben lagen die Zentralalpen vor uns ausgebreitet – ein Relief aus weiß gekrönten Bergspitzen, durch dessen Mitte sich später der hauchdünne Faden unseres Weges nach Süden schlängeln sollte.

Die zehntätige Südtirol-Etappe kennzeichnete ausgiebiger Sommerschnee. Immer wieder mussten wir den Weg ändern und anpassen. Und es war der Streckenabschnitt, der meinem Körper fast den Garaus machte. Dass ich die Tour nicht abbrach, hatte ich allein meinem Willen und meiner hingebungsvollen Wanderfreude zu verdanken. Es war eine Zeit des Über-sich-Hinauswachsens, des Planungsgeschicks und der Improvisation. Es war der Weg klingender Namen: Passeiertal, Meraner Höhenweg, Dorf Tirol, Meran, Etschtal.

Die ebenfalls zehntätige Trentino-Etappe entpuppte sich als Tour der verwunschenen Wälder und Irrwege, der Felsklippen, Bären und wilden Täler. Es war die Tour der Brenta mit ihren eng stehenden Türmen, Burgen und Pfeilern. Der Schichtaufbau ihres glänzenden Dolomitgesteins erinnerte mich an die Reptilienhaut der Kaimane – ein mysteriöses, mir unvergessliches Gebirge!

Während dieser Zeit erblickten wir zum ersten Mal in der Ferne den Gardasee…

Die siebentätige Venetien-Etappe stand im Zeichen des Monte Baldo und des Lago di Garda. Eine Sage erzählt vom Tag seiner Entstehung, als sich der Wassergott in die blauhaarige Nixe Engadina verliebte. Um sie von ihrem kleinen Bergsee fortzulocken, hieb er mit dem Dreizack eine gewaltige Schneise in die Felsen von Garda. Das Wasser strömte herbei, der See war geschaffen und wurde noch herrlicher, als das schöne Nixenmädchen der Verlockung nachgab, hineinsprang und ihn mit ihrem Haar blau färbte.

Im Grunde stellt sich das Laufen in den Bergen als große Metapher eines Menschenlebens dar. Nahezu alles, was ich unterwegs erfahre, finde ich in meinem Dasein wieder: Anstrengung, Sorge, Erwartung, Glück, Spiritualität. Wie im Leben müssen sich die Wandernden unterstützen, mutig und zugleich achtsam sein. Mitunter tappt man im Ungewissen, ist die Sicht getrübt, dann wieder liegt alles klar vor einem. Heute ist mein Gang leichtfüßig, morgen schleppend und schwer. Hier ist der Weg kurvenreich und steinig, dort gerade und eben. Immer gilt es, den eigenen Rhythmus zu finden, den passenden Weg, die richtige Gangart. Oft setzt man sich ein Ziel oder folgt einer Vision. Manch einer spürt die Gegenwart Gottes und dann kann es geschehen, dass sich, wie in meinem Fall, die Wanderstrecke zum Pilgerweg wandelt.

Wie im Leben daheim muss es beim Bergwandern etwas geben, das antreibt und ermutigt, damit man vor großen Hürden nicht kapituliert. Deshalb nahmen wir einen dritten Gefährten mit, einen Kalkstein aus dem Starnberger See, den ich der erhöhten Symbolik wegen mit einer weisen Eule bemalte, und den wir am Ende der Reise in den Gardasee werfen wollten. Während der ganzen Wanderung klang mir das Geräusch, mit dem der Eulenstein ins Wasser plumpsen würde, im Ohr. ‚Der leise Plopp von Bardolino‘ – eher eine augenzwinkernde Vision als ein Ziel.

Ohne meine Wanderschwester hätte es diese Überquerung nicht gegeben. Menschen, mit denen man auch unter misslichen und schwierigen Bedingungen zehn Tage lang jede Minute teilen mag, gibt es nicht wie Sand am Meer. Nicht jeder kann die eigenen Grenzen vertreten und doch stets kooperativ bleiben. Und wie steht es um gegenseitiges Vertrauen, um den Verzicht auf Eitelkeiten und Konkurrenzkämpfe? Wem gefällt es, unterwegs stundenlang zu schweigen?

Mit Heike ist das alles möglich und sie sagt, anders herum sei es genauso.

Das Buch, das ich über all dies geschrieben habe, gibt auch kleinen Dingen Raum und nimmt auf diese Weise den Leser mit auf die Wanderschaft, gleichermaßen als blinden Passagier. Es ging mir darum, nicht nur die offenkundige Schönheit der Bergnatur, auch ihre Lebendigkeit, Mystik und Dramatik in Worte zu fassen. Begegnungen mit Mensch und Tier, einschließlich mit mir selbst, kommen zu ihrem Recht. Zweifel und Schwächen gebe ich ehrlich preis, warum auch nicht? Für nichts muss ich mich schämen, auch nicht dafür, dass ich als NRW-Frau in Sachen Alpen und ihre Bewohner ziemlich unwissend war. Was man nicht weiß, kann man sich aneignen! Kommt es nicht darauf an, in Bewegung zu bleiben, jeden Tag zu lernen und zu staunen? Letztlich sind wir, wie es Goethe formulierte, Schüler. Und die Berge sind unsere wunderbaren Lehrmeister.

Gabriele Reiß

Buchtipp: STEINREICH, VOGELFREI

erzählt von der Wehmut beim Abschiednehmen und von der Sehnsucht auf das Neue – und von der Freundschaft. Dieser Reisebericht auf 452 Seiten handelt von der Geschichte der Alpenüberquerung der Autorin und ihrer Wanderfreundin, vom gemeinsamen Erleben und dem Kampf zwischen Vernunft und Hingabe. Es beschreibt das Freiheitsgefühl, das immer dann entsteht, wenn man die Last des Alltags abwirft. Aber es geht auch um Selbstzweifel, um das Wachsen an der Aufgabe und um die heilsamen Kräfte, die genau dann zu fließen beginnen, wenn man sich dünnhäutig und verletzlich fühlt.

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In fünf Teile gegliedert, die den fünf Etappen der Wanderung entsprechen, beschreibt STEINREICH, VOGELFREI in 40 Kapiteln die geografischen Nord-Süd-Wandlungen ebenso wie die ergreifend und mystisch erlebte Natur. Das Buch basiert auf Recherchen, Aufzeichnungen, Fotomaterial – und besonders auf den Erinnerungen der Autorin, die den kleinen Wegrand-Ereignissen, deren Größe ja bekanntlich nur der Fußgänger zu entdecken vermag, den nötigen Raum gibt. Ein persönliches Buch, das durch seinen unverstellten, individuellen Blickwinkel die großen Gesetzmäßigkeiten des Lebens offenlegt. Eine Kaufempfehlung!

Gabriele Reiß:
Steinreich, vogelfrei
Ein Weg wie kein anderer.
Zwei Frauen überqueren die Alpen.
455 Seiten, Books on Demand Norderstedt

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