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Geschrieben: 07. September, 2015 in Mein Haustier
 
 

Tiermedizin im Internet – Krank durch Internetdoktor

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Im Internet ist alles zu finden, auch (pseudo)medizinische Ratschläge haben auf zahlreichen Portalen und Foren Hochkonjunktur. Ein Trend, der nicht nur die Humanmedizin betrifft, sondern auch nicht Halt vor der Tiermedizin macht. Häufig wird für alternative Heilmethoden geworben oder werden Ratschläge zur Selbstbehandlung von Hund, Katze und Co gegeben. Hier ist jedoch Vorsicht geboten.

Kranker Hund, Fotoquelle: 123RF

Vieles sei nicht nur wirkungslos, sondern könne im schlimmsten Falle auch fatale Folgen für das Tier haben, warnt die Bundestierärztekammer (BTK) in einer Pressemitteilung. „Weil sich ‘alternative’ Behandlung besser anhört, oder Vorbehalte gegen die sogenannte ‘Schulmedizin’ bestehen, suchen einige Tierbesitzer mit ihrem kranken Liebling nicht zuerst den Tierarzt auf, sondern legen die Gesundheit der Tiere in die Hände von Tierheilern“, sagt Dr. Uwe Tiedemann, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Tierbehandlung der Bundestierärztekammer. Oft werde auch versucht, das kranke Tier selbst zu behandeln und dabei auf Halbwissen aus dem Internet zurückgegriffen.

Teils fatale Folgen für das Tier

Welche Folgen das für die Tiergesundheit haben kann, zeigt die BTK anhand einiger dokumentierter Beispiele aus der Praxis.

  • Blutvergiftung: Ein Hund mit vereiterter Pfote, der vom Besitzer übers Wochenende mit homöopathischen Globuli behandelt wurde, bekommt eine Blutvergiftung und muss vom Tierarzt umso länger mit Antibiotika behandelt werden.
  • Nicht immer geht es glimpflich aus: Ein Kaninchen mit verklebten Augen, das auf Anraten eines Nichttierärztlichen Heilers mit Augentropfen behandelt wurde, überlebt nicht – denn Ursache war eine in die Augenhöhle durchgebrochene Zahnwurzel, die bei rechtzeitigem Tierarztbesuch erfolgreich hätte behandelt werden können.
  • Parasitenbefall bei der Katze: Statt zum Tierarzt zu gehen, weil sich ihre Katze büschelweise Haare ausreißt, fragt die Besitzerin in Internetforen und probiert eine neue Futtersorte nach der anderen aus. Ein tierärztlicher Hautcheck hätte laut BTK-Mitteilung die verursachenden Parasiten wohl erkannt und der Katze wäre wochenlanges Leiden erspart geblieben.
  • Zahnbehandlung beim Pferd: Einem seit Tagen speichelnden Pferd werden von einem „Heilkundigen“ die Zähne geraspelt. Wäre ein Tierarzt zugezogen worden, wäre bei eingehender Untersuchung ein schmerzhafter Zungentumor erkannt worden.

Inflationäre Pseudo-Heilkunde und Wildwuchs nicht-tierärztlicher Behandler

„Wir können nur davor warnen, ohne Vorstellung des Tieres in einer Tierarztpraxis Diagnosen aus dem Internet zu übernehmen und auf eigene Faust herumzudoktern“, warnt Tiedemann. Dabei hat er nicht nur inflationäre Pseudo-Heilkunde aus dem Internet im Blick, sondern auch „zunehmenden Wildwuchs an nicht-tierärztlichen Behandlern aller Art“. Das Studium der Veterinärmedizin dauert fünfeinhalb Jahre und schließt bundesweit einheitlich mit staatlicher Prüfung und Zulassung zur tierärztlichen Tätigkeit (Approbation) ab. Vergleichbares Wissen lasse sich nicht durch ein paar Wochenendkurse zum Tierheilpraktiker, Dentist oder Akupunkteur erwerben. Zumal diese Ausbildungen in keiner Weise staatlich geregelt seien. „Es gibt keine staatlich geregelte Ausbildung zum Tierheilpraktiker, Tierpsychologen oder Tierphysiotherapeuten“, betont Tiedemann, „diese Berufsbezeichnungen sind nicht geschützt“. Es darf sich also jeder, auch ohne jegliche Ausbildung so nennen. Die Arbeitsgruppe Tierbehandlung der BTK fordert daher „eine nachvollziehbare Regelung für jegliche Form der Ausübung von Tierbehandlung“. Nur so könne sichergestellt werden, dass Tiere tierschutzgerechte Diagnostik und Therapie erhalten.

Die gehört aus Sicht der BTK am besten in die Hand eines Veterinärmediziners. „Nur Tierärzte können abschätzen, ob eine schulmedizinische oder eine regulationsmedizinische Behandlung wie Homöopathie, Pflanzenmedizin, zielgerichtete Physiotherapie, Akupunktur oder auch eine Kombination für den einzelnen Patienten sinnvoll und zielführend ist“, erklärt Tiedemann.

„Ja“ zur Alternativmedizin, aber fundiert

Grundsätzlich sei gegen alternative Heilmethoden nichts einzuwenden – sofern sie von jemandem angewandt werden, der über fundiertes Fachwissen verfügt, meint Tierarzt Dr. Konrad Meier aus Neuburg/Donau. Es gebe genügend Tierärzte, die bei bestimmten Krankheitsbildern homöopathisch arbeiteten oder Akupunktur anböten. „Auch wir arbeiten gelegentlich homöopathisch“, ergänzt er. Wichtig sei eine fundierte Diagnose. Mit Halbwissen aus dem Internet wird er ebenfalls konfrontiert, doch in der Regel sei ein fruchtbarer Dialog möglich. „Viele Patientenbesitzer informieren sich im Internet“, weiß er, und sie sprächen das auch in der Praxis an. Als erstes fragt der Veterinärmediziner dann danach, wo das Wissen herstammt – ob aus Foren oder wissenschaftlichen Internetseiten. Gerade bei Foren sei Vorsicht angebracht. „Wenn das nicht mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen übereinstimmt, dann sage ich das und kläre die Tierhalter auf“, sagt Meier. Die meisten seien dankbar für fundierte Informationen und vertrauten ihrem Haustierarzt.

Nicht zuletzt geht es in der Tiermedizin auch darum, Menschen vor ansteckenden Zoonosen – zwischen Mensch und Tier übertragbare Krankheiten – zu schützen. „Nur Tierärzte verfügen durch ihre umfassende Ausbildung und oft jahrelange Weiterbildung nach dem Studium über das Wissen, eine Diagnose zu stellen und eine geeignete Therapie einzuleiten“, sagt Tiedemann.

Dr. med.vet. Andrea Hammerl

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