Geschrieben: 16. Januar, 2018 in Buchtipp | Ernährung
 
 

„Tierschutz mit Messer und Gabel“ – Interview mit der Buchautorin Dr. Andrea Flemmer

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„Tierschutz mit Messer und Gabel“ – der Titel provoziert, weckt Aufmerksamkeit, macht neugierig. Dr. Andrea Flemmer (57), Biologin und Ernährungswissenschaftlerin, Buchautorin und engagierte Aktivistin in Sachen Tierschutz, alternative Energien und Forschung an unheilbaren Krankheiten, verknüpft in ihrem 2015 erschienenen Buch Fragen des Tier- und Umweltschutzes sowie gesunder Ernährung mit tierfreundlichen Alternativen der Nutztierhaltung. Sie stellt diverse Bioverbände und ihre Vorschriften zur Tierhaltung vor und wagt auch den Blick über Grenzen in andere Länder. Unsere Mitarbeiterin Dr. Andrea Hammerl hat sich mit ihr darüber unterhalten, wie „Tierschutz mit Messer und Gabel“ funktionieren kann.


Frau Dr. Flemmer, wer Ihren Buchtitel liest, der assoziiert damit sofort eine vegetarische oder vegane Lebensweise. Das ist es aber nicht, was Sie propagieren, oder?

Dr. Andrea Flemmer: Richtig, ich propagiere weder die vegetarische noch die vegane Lebensweise. Vegetarisch kann man sich ernähren, aber mit Veganismus habe ich meine Probleme. Ein Vitamin-B12-Mangel verursacht Symptome, die der Multiplen Sklerose ähnlich und nicht reversibel sind. Und mir konnte noch keiner nachweisen, dass Vitamin B12 in ausreichender Menge aus nicht-tierischen Lebensmitteln aufgenommen werden kann. Mir geht es aber nicht primär um verschiedene Ernährungsformen, sondern darum, die Lebensumstände der Nutztiere zu verbessern. Vegetarier und Veganer lehnen mein Buch sogar ab.

Warum das?

Weil sie den Fleischverzehr grundsätzlich ablehnen und ich nicht so weit gehe. Ich plädiere dafür, den Fleischkonsum auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren, schon das würde vielen Tieren helfen. Natürlich freue ich mich daher über jeden, der vegetarisch oder vegan lebt – wegen der Tiere und weil keine Riesensojafelder angebaut werden müssen, um deren Kraftfutter herzustellen. Ich habe das Buch geschrieben, weil es mir maßlos gegen den Strich geht, wie heutzutage Tiere gehalten werden.

Welche Missstände kritisieren Sie konkret an der konventionellen Nutztierhaltung?

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Schreckliche Massentierhaltung!

Ich finde es unmöglich, wenn Tiere einen Lebensraum haben, der an eine Toilette ohne Abzug erinnert. Das gilt für alle, ob Rinder, Schweine, Geflügel, sogar Kaninchen werden so dichtgedrängt gehalten, dass sie sich gegenseitig anknabbern. Dann das Kükenschreddern – alleine das Wort ist schon ein Unding! Die Enthornung der Rinder, das Schnabelkürzen bei Hühnern und Puten, die betäubungslose Ferkelkastration, die Gänse-Stopfleber – das sind nur einige von zahllosen Missständen. Aber es gibt eben auch Alternativen, und die zeige ich in meinem Buch auf.

Nennen Sie doch bitte mal ein paar Beispiele…

Es gibt Zweinutzungshühnerrassen, das heißt, dass die männlichen Küken, also die Brüder der Legehennen, nicht geschreddert werden müssen, sondern gemästet werden können. Das dauert zwar länger, dafür ist das Fleisch aber auch wertvoller. Aus der Diskussion, wie viele Menschen oder Artgenossen durch Hornstöße zu Schaden kommen, halte ich mich heraus. Aber statt Enthornung schlage ich vor, Holzkugeln auf die Hornspitzen zu setzen, die schwere Verletzungen verhindern. Generell gilt: Artgerechte Tierhaltung braucht mehr Platz, dann gibt es schon von Haus aus weniger Verletzungen. Auf Transporte zum Schlachthof kann verzichtet werden, wenn die Tiere auf der Weide geschossen werden, wie das bei Damwild üblich ist. Es gibt auch heute schon Rinderhalter, die das stressfreie Töten auf der Weide praktizieren. Statt die Kälber kurz nach der Geburt von der Kuh zu trennen, kann eine muttergebundene Kälberaufzucht praktiziert werden. Das funktioniert, ist aber mühsamer und mit Einbußen bei der Milch verbunden. Ich wünsche mir, dass das natürliche Verhalten der Tiere berücksichtigt wird. Eine gute Sache ist beispielsweise der wandernde Hühnerstall.

Was hat es mit dem auf sich?

Der Stall wird von Zeit zu Zeit versetzt, damit sich der Auslauf der Hühner erholen kann. Ein fester Auslauf besteht nach kurzer Zeit nur noch aus Erde beziehungsweise Schlamm, weil die Hühner so lange picken und scharren, bis kein Gras mehr wächst. Mit dem wandernden Hühnerstall wird das vermieden. Zugleich kommt er dem natürlichen Schutzbedürfnis entgegen. Dazu muss man wissen, dass Hühner sich nicht weit von ihrem Stall entfernen. Sie trauen sich aus Angst vor Raubvögeln einfach nicht, vor allem, wenn sie auf freien Flächen stehen, wo kein natürlicher Schutz vorhanden ist. Der wandernde Hühnerstall ist ideal: Er wandert mit und die Hühner können stets in der Nähe des Stalles scharren und picken.

Tierschutz hilft auch dem Menschen, betonen Sie. Welche Vorteile bringt die tierschutzgerechte Haltung gegenüber der Massentierhaltung?

Das fängt schon bei den Antibiotikaresistenzen an. Dadurch, dass Nutztiere in der Massentierhaltung so eng aufeinander hängen, brauchen sie Antibiotika. Das führt dazu, dass Bakterien resistent werden. Jedes Jahr sterben allein in Deutschland rund 30.000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Keimen, in den USA sind es 1,2 Millionen. Wenn man die Unsummen an Subventionen, die in die Massentierhaltung fließen, in ökologische Landwirtschaft investieren würde, wären Bioprodukte nicht teurer als konventionell erzeugte. Die Massentierhaltung erzeugt so viel Gülle und Mist, dass keiner weiß, wohin damit. Am Ende landet sie auf den Feldern – und das Nitrat im Trinkwasser. Vom Gestank, den die Anwohner ertragen müssen, ganz zu schweigen. Eine andere Haltung hilft auch der Umwelt. Ich denke da an kilometerweite Sojabohnen-Plantagen in Südamerika – die bräuchte es nicht, wenn wir nicht so viel Kraftfutter an unsere Nutztiere verfüttern würden. Und langsam gewachsenes Fleisch ist nachweislich gesünder, da es mehr gesunde Omega-3-Fettsäuren enthält. Außerdem hat man nichts auf dem Teller, wofür ein Tier gequält wurde.

Sie führen etliche Beispiele artgerechter Haltung an. Aber lässt sich so auch genügend Fleisch für alle erzeugen?

Das ist ein gängiges Gegenargument. Sicher geht das nicht von heute auf morgen. Aber weniger Fleischkonsum wäre auf jeden Fall gesünder. Statt täglich Fleisch oder Wurst zu essen, empfehlen Ärzte und Ernährungswissenschaftler, maximal zwei bis dreimal pro Woche Fleisch – und zwar insgesamt maximal 500 Gramm. Dann kann man sich auch hochwertiges Fleisch leisten und es würden jedes Jahr Millionen von Tieren weniger geschlachtet werden.

Woran erkennt der Verbraucher, dass es sich wirklich um Fleisch oder Eier aus tierfreundlicher Haltung handelt?

Ich empfehle, auf Bio-Label zu achten und mindestens EU-Bio-Fleisch und ebensolche Eier zu kaufen. Die Verbände haben noch strengere Auflagen, das ist in der Regel noch besser. Aber ehe ich konventionell erzeugte Produkte kaufe, reicht auch EU-Bio. Es gibt praktisch für alles Alternativen, nur Hummer esse ich nicht. Die dürfen monatelang lebendig auf Eis gelagert werden und die Tötung im kochenden Wasser ist grausam – sie dauert bis zu sieben Minuten. Das muss ich nicht haben.

Autorin: Dr. Andrea Hammerl

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Buchtipp:

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Andrea Flemmer

„Tierschutz mit Messer und Gabel“

Erschienen 2015 im Spurbuchverlag

ISBN 978-3-88778-456-0

286 Seiten, gebunden

29,80 Euro

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