0
Geschrieben: 10. Juni, 2015 in Gesundheit | Vitamine & Mineralien
 
 

Vitamin D – Macht die Dosis das Gift?

23300981_S_Online
23300981_S_Online
Wenn der Himmel grau verhangen ist und uns der eisige Wind in den Nacken beißt, verkriechen wir uns gerne ins Warme. Gewappnet mit Decke und heißem Tee trotzen wir dem miesen Sauwetter und machen es uns in den eigenen vier Wänden gemütlich. Dabei ist es gerade zur „dunklen Jahreszeit“ wichtig, bei jeder sich bietenden Gelegenheit Sonne zu tanken. Denn durch deren Strahlen können wir das wichtige Vitamin D bilden, das für gesunde Knochen unerlässlich ist.

 Fotoquelle: 123RF

Aber schützt Vitamin D auch vor Asthma, Diabetes, Multipler Sklerose – und sogar Krebs? In der Welt der Wissenschaft ist ein Streit entbrannt…

Vitamin D ist das Kuckuckskind unter den Vitaminen. Denn per Definition ist es kein Vitamin. Die besagt nämlich, dass ein solches nicht vom Körper produziert werden kann, sondern von außen zugeführt werden muss. Das stimmt beim Vitamin D aber nur zum Teil. Bis zu 90 Prozent des Bedarfs werden vom Körper selbst produziert, indem UV-Strahlen in der Haut ein bestimmtes Molekül in Vitamin D umwandeln. Den Rest nehmen wir über die Nahrung auf. Im Sommer können einige Minuten in der Sonne schon ausreichen, um den Vitamin-D Bedarf zu decken. Im Winter sieht es da leider etwas anders aus. Bei geschlossener Wolkendecke können selbst aktive Menschen, die sich viel an der frischen Luft bewegen, nicht genügend Vitamin D bilden. Das bestätigt Heike Bischoff- Ferrari von der Universität Zürich:

„Im Winter haben Jung und Alt in ganz Europa wenig Chance, [ein ausreichend hohes Vitamin-D-Level] über die Sonne allein zu erreichen.“

Reich an Vitamin D ist fettiger Fisch, wie Lachs und Makrele, sonnengetrocknete Pilze und der gute alte Lebertran. Doch die Konzentration des Vitamins in Lebensmitteln ist relativ gering, weshalb einige Forscher dafür plädieren, Vitamin D in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zu sich zu nehmen – oder es gleich Grundnahrungsmitteln beizumischen. Den Grund dafür sehen sie in dem vermeintlichen Nutzen, den Vitamin D zum Beispiel bei der Bekämpfung von Brust- und Darmkrebs haben könnte. So fordert Michael Amling vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, Vitamin D in Brot beizumischen, denn: „Ein 80-Jähriger isst genauso viel Brot wie ein 18-Jähriger.“ Auch der Bostoner Endokrinologe Michael Holick ist der Ansicht: „Wenn auch nur eine einzige dieser Krankheiten damit verhindert wird, dann ist es das wert.“ Doch genau hier liegt der Hund begraben, denn die Beimischung von Vitamin D, wie sie in den USA und Kanada in Milch üblich ist, ist nicht unumstritten, die Studienergebnisse nicht eindeutig. Gegenwind bekommt Holick unter anderem von Julian Peto, Tropenmediziner an der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Dieser ist zwar von einem Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel während der Wintermonate und den zu dieser Zeit grassierenden Erkältungskrankheiten überzeugt. Doch hegt Peto grundsätzliche Bedenken:

„Massenmedikation ist nichts, das man leichtfertig beginnen sollte.“

Auch Bischoff-Ferrari, Leiterin der DoHealth-Studie, in deren Verlauf der Einfluss von Vitamin D auf Knochenstabilität, Blutdruck, Immunabwehr und geistige Leistungsfähigkeit untersucht wird, hält einen positiven Einfluss von Vitamin D bei verschiedensten Beschwerden für möglich. „Ich würde beim Blutdruck, bei den kardiovaskulären Erkrankungen und beim Darmkrebs einen Nutzen erwarten“, sagt sie, ohne sich jedoch auf eine Empfehlung für einen Grenzwert festzulegen – dafür seien die Belege für einen positiven Effekt noch nicht gut genug.

Die Vorsicht ist begründet. Schon früher wurden vermeintliche Wundermittel gepriesen, bis Studien belegten, dass die Gabe zu hoher Dosen unter Umständen sogar schädlich sei. So waren Forscher schon der Ansicht, dass Betakarotin vor Krebs schütze. Wiederlegt wurde diese Theorie durch eine finnische Studie, während der Raucher nach der Gabe von Betakarotin erwiesenermaßen häufiger an Lungenkrebs erkrankten. Eine ähnliche Studie in den USA musste aus demselben Grund sogar abgebrochen werden. Daher könnte die wissenschaftliche Erkenntnis auch dem Vitamin D den Garaus machen, meint Andrew Grey von der Universität Auckland, Neuseeland: „Ich glaube, Vitamin D wird genauso enden wie diese anderen Behandlungen.“

Zumindest in einem Punkt sind sich die Forscher einig: Ein Mangel an Vitamin D ist ungesund. Hat der Körper zu wenig, droht Erwachsenen die sogenannte Osteomalazie, Kindern die Rachitis – eine Aufweichung der Knochen. Gerade im Alter kann es dann zur Osteoporose kommen. Es geht also nicht um das ‚ob‘, sondern um das ‚wie viel‘. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat sich 2012 daher dazu entschlossen, den vom Institute of Medicine (IOM) festgelegten Minimalwert von 50 Nanomol (etwa 20 Nanogramm pro Milliliter) zu übernehmen. Zuvor hatte eine im American Journal of Cardiology erschienene Studie gezeigt, dass Vitamin D bis zu diesem Wert entzündungshemmend wirke, ein höherer Wert hingegen entzündungsfördernd sei – frei nach Paracelsus Erkenntnis, dass erst die Dosis das Gift macht. Zumindest bei Menschen mit einem ohnehin niedrigen Vitamin-D-Spiegel könnte die zusätzliche Gabe daher sinnvoll sein.

Auf jeden Fall sollte man seine freie Zeit nach Möglichkeit immer nutzen, um etwas Sonne zu tanken. Das hebt nicht nur die Laune, sondern auch den Vitamin-D-Spiegel – und gesünder als eine Pille zum Essen ist ein Spaziergang an der frischen Luft allemal.

Print Friendly, PDF & Email
War dieser Artikel hilfreich? Bewerten Sie Ihn.
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3 bewertungen, duchschnittlich: 4,00 out of 5)
Loading...