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Geschrieben: 24. März, 2017 in Mein Haustier
 
 

Von X- und O-Beinen – Gliedmaßenfehlstellungen beim Fohlen

Bockhufigkeit nach Beschlag
Bockhufigkeit nach Beschlag
X- und O-Beine gibt es nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Fohlen. Sehnenstelzfuß Bockhuf, Arthrogrypose, Fassbeinigkeit, Durchtrittigkeit, sind weitere Anomalien, die beim neugeborenen Pferd auftreten können. Stellungsanomalien müssen ernst genommen werden, denn sie sind weniger Schönheitsfehler als Belastung für die noch jungen Gelenke. Besitzer sollten daher frühzeitig einen Tierarzt zu Rate ziehen.

Fotoquelle: © Dr. Andrea Hammerl – Durchtrittigkeit links

Wächst sich das Problem nicht aus, muss rechtzeitig korrigiert werden, um Spätfolgen vorzubeugen.

Die Ursachen für Stellungsanomalien beim Fohlen bleiben meist im Dunkel. Die Lage im Mutterleib kann dafür verantwortlich sein, genetische Ursachen sind eher selten, manches wird in den ersten Lebensmonaten erworben. „Bockhuf und Sehnenstelzfuß können sowohl angeboren sein, als auch in den ersten Lebensmonaten erworben werden“, sagt Dr. Volker Sill, Fachtierarzt für Pferde und Mitinhaber der Pferdeklinik Bargteheide. Besonders häufig beobachtet er diese Anomalie bei frohwüchsigen Fohlen innerhalb des ersten Lebenshalbjahres, weshalb er dazu rät, Zuchtstuten ausgewogen zu ernähren, aber nicht zu üppig. Etwas knapper gehaltene Tiere hätten erfahrungsgemäß gesündere Fohlen als ernährungsmäßig hochgepuschte. Eine Ausnahme seien mineralstoffarme Weiden, hier sei die Zufütterung von Mineralstoffen notwendig.

Hufschuh oder OP helfen bei Bockhuf und Sehnenstelzfuß

Beim Bockhuf kommen die Sehnen nicht mit dem starken Längenwachstum der Röhrenknochen mit. Die verkürzte Beugesehne bewirkt die Steilerstellung des Hufes. Die Diagnose ist leicht beim Betrachten des Tieres von der Seite zu stellen. Im Idealfall verlaufen Hufwand und eine gedachte Linie durch das Fesselbein parallel. Beim Bockhuf steht die Hufwand zu steil, das Hufgelenk befindet sich in Beugestellung. Bessert sich ein angeborener Bockhuf nicht sichtbar innerhalb weniger Lebenswochen von alleine, sind Bockhufschuhe Mittel der Wahl. Durch ein verlängertes Zehenteil zwingen sie das Tier, die Zehe komplett aufzusetzen. Regelmäßige Bewegung auf hartem, aber ebenem Grund unterstützt die Therapie. Reicht der Hufschuh oder therapeutische Beschlag nicht aus, kann ein chirurgischer Eingriff Abhilfe schaffen. Dabei werden die Unterstützungsbänder der Sehnen durchtrennt, was mehr Bewegungsraum und Elastizität schafft, bis die Bänder auf längerem Niveau vernarben. „Bei jungen Fohlen verwachsen die Bänder nahezu ohne sichtbare Narben“, sagt Sill. Er rät, vor chirurgischen Eingriffen zunächst abzuwarten, ob sich die Fehlstellung verwächst, aber bei Stillstand relativ zeitnah einzugreifen, um die Gelenke vor schweren Fehlstellungen zu bewahren.

Zu weiche Fessel oder geknickte Gelenkachsen

Häufig kommt die so genannte Durchtrittigkeit vor. Betroffene Fohlen fußen auf dem überstreckten Fesselgelenk, weil die Fessel nach der Geburt noch zu weich ist und nicht stabil gehalten werden kann, was besonders frühgeborene oder sehr schwere Fohlen betrifft. Bei Letzteren ist die Belastung für das Gelenk schlicht zu groß. „Das wächst sich meisten aus“, kann Sill beruhigen. Kontrollierte Bewegung auf festem Grund hilft, gegebenenfalls unterstützen auch orthopädische Hufschuhe oder Beschläge mit verlängerten Schenkeln.

X-Beine oder O-Beine werden von vorn diagnostiziert. Die Gelenkachsen im Vorderfußwurzel beziehungsweise Sprunggelenk sind – nach innen (X-Beine) beziehungsweise nach außen (O-Beine) geknickt. Die Verdrehung der Gelenkachsen wird als zehenweite beziehungsweise zehenenge Stellung bezeichnet. Hier ist in erster Linie eine orthopädische Hufkorrektur gefragt.

Bei so genannten windschiefen Fohlen verlaufen alle Gelenkachsen in eine Richtung schief, das heißt, ein Bein ist x-, das andere o-beinig. „Das ist häufig bedingt durch die Lage in der Gebärmutter, gepaart mit einer Bänderschwäche und hat eine relativ gute Prognose“, erklärt Sill. Orthopädische Therapie sei meist nicht nötig, es reichten Gaben von Vitamin A, D und E, um die Knochenreife zu fördern plus moderate Bewegung, am besten allein mit der Mutterstute auf einer kleinen Fläche.

Frühe Therapie wichtig

Weitere Fehlstellungen an der Hintergliedmaße sind Fassbeinigkeit und Kuhhessigkeit (X-Beinigkeit im Sprunggelenk). Auch hier verwächst sich einiges. In Extremfällen kann der Tierarzt ein Periostlifting (Knochenhautschnitt) vornehmen oder die Wachstumsfugen mit Schrauben überbrücken, was zur einseitigen Wachstumshemmung und damit zur Stellungskorrektur führt. Die OP empfehle sich im ersten Lebensjahr, sagt Sill, um die Gelenkbelastung möglichst gering zu halten. Häufig werde die Therapie mit Hufschuhen kombiniert. Der Eingriff ist Routine und mit circa 1000 bis 1200 Euro durchaus erschwinglich.

Eine schlechte Prognose hat dagegen die Arthrogrypose, eine angeborene Gelenksteifigkeit, von der meist mehrere Gelenke betroffen sind. „Die Arthrogrypose ist nicht therapierbar“, erklärt der Fachtierarzt, „die Fohlen werden in der Regel eingeschläfert“. Verschiedene Ursachen werden beim Pferd diskutiert, unter anderem genetische Faktoren oder Fehllagerung während der Trächtigkeit. Beim Kalb ist ein Zusammenhang mit Lupinenvergiftung beobachtet worden.

Bei Fohlen mit Fehlstellungen sollte durch einen Hufschmied frühzeitig mit der Stellungskorrektur begonnen werden. Kontrollen im Vier-Wochen-Intervall sind empfehlenswert. Osteopathie kann die schulmedizinische Therapie ebenfalls unterstützen. „Es kommt allerdings selten vor, dass mir Fohlen mit Stellungsanomalien vorgestellt werden, weil die Methode den Besitzern nicht bewusst ist“, sagt Tierärztin Dr. Christine Warzecha, die in ihrer Pferdepraxis schwerpunktmäßig osteopathisch arbeitet.

Autorin: Dr. Andrea Hammerl

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