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Geschrieben: 26. August, 2016 in Reisetipps
 
 

Ziegenalmabtrieb – ein besonderes Erlebnis in der Zugspitzregion

MITTENWALD_Ziegenabtrieb 014
MITTENWALD_Ziegenabtrieb 014
Wer Almabtrieb hört, der denkt an Kuhglocken, herrlich geschmückte Rindviecher und große Feste – in Deutschland vorwiegend im Allgäu. Es geht aber auch eine Nummer kleiner. Besonderen Charme hat der Ziegenabtrieb in Mittenwald. Der traditionelle Goaßabtrieb führt Christian und Andreas Neuner mit ihren Hütejungen und circa 200 Ziegen am Samstag, den 3. September, von der Scheibenalm hinunter ins Tal.

Ziegenalmabtrieb in Garmisch-Partenkirchen

Die schönste Goaß von Mittenwald

Ab etwa 11 Uhr die Fußgängerzone zum Laufsteg für die Ziegen, denn alljährlich krönt der Mittenwalder Ziegenhalterverein die schönste mit einem Pokal. Seit 1985 gibt es den Goaßabtrieb. Damals wurde der Ziegenhalterverein gegründet, dem heute rund 30 Mittenwalder Bauern angehören. Der Großvater der Zwillingsbrüder Neuner war es, der damals alte, längst vergessene Weiderechte neu entdeckte und auch durchsetzte. Die Ziegen werden als vierbeinige Rasenmäher, sozusagen als Landschaftspfleger eingesetzt, denn sie verhindern erfolgreich, dass die artenreichen Buckelwiesen verbuschen. Allein sind Christian und Andreas Neuner nicht, wenn sie die Sommermonate auf der Alm verbringen. Beim Ziegenhüten helfen ihnen jede Woche drei oder vier Mittenwalder Burschen im Alter zwischen acht und 16 Jahren. Der Job als Hütejunge ist begehrt, es gibt sogar eine Warteliste. Bevorzugt werden diejenigen, die zu Hause auch Ziegen haben.

Touristen foppen statt Handyspiele und PC

Wie die Hütejungen, so wechseln sich auch die Erwachsenen wochenweise ab. „Höä Weibi!“, imitiert Hütejunge Moritz den Weckruf vom Anderl, wie Andreas Neuner von den Burschen gerufen wird. Moritz‘ erster Weg am Morgen führt an den Trog mit kühlem Quellwasser. Wachwerden und Waschen sind angesagt. „Es ist toll zu erleben, wie es ist, ohne Wasser im Haus zu sein“, findet er. Spielkonsole, facebook und PC vermisst Moritz „überhaupt nicht“. Handys haben die Buben dabei, aber nur für Notfälle, herumgespielt wird nicht damit. Dafür haben sie auch gar keine Zeit. In der Früh werden die Ziegen von der Scheibenalm, wo sie die Nacht verbracht haben, auf die umliegenden Weiden gebracht. Die Hütejungen begleiten sie und passen auf, dass alle zusammenbleiben, kein Zicklein sich absondert oder zurückbleibt. Während sich die Tiere ihr Futter suchen, haben die Buben mehr oder weniger frei. „Wir machen so Sachen“, erzählt Felix rätselhaft, während Moritz behauptet, „Essen und Schlafen“ sei alles, was sie so den ganzen Tag lang treiben.

Anderl aber weiß noch so einige Geschichten zu erzählen, denn seine Jungs machen nicht nur einen Superjob mit den Ziegen, sondern haben es auch faustdick hinter den Ohren. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist es, Urlauber zu foppen. Die stehen oft schon am Morgen Spalier am See, wenn Hütejungen und Ziegen von der Scheibenalm herunter kommen. „Sind das Gämsen oder Ziegen?“, werden die Buben dann oft gefragt. Natürlich machen sie sich einen Spaß daraus, den Touristen weiszumachen: „Das sind Gämsen.“ Und die wundern sich dann, warum Gämsen so zahm sind und fragen den Hütejungen Löcher in den Bauch. Wieso „die Gämsen“ denn Hörner hätten, zum Beispiel. Die Jungs verkünden dann gern, ihre zahmen Gämsen könnten sogar Männchen machen. Ob die Urlauber spätestens dann nicht merken, dass sie auf den Arm genommen werden? „Die meisten nicht“, glaubt Andreas Neuner. Für ihn ist es immer ein köstliches Schauspiel, seine Jungs dabei zu beobachten.

Auch Musik gehört auf der Alm dazu

Der Lohn der Hütejungen besteht aus freier Kost und Logis, und gelegentlich bekommen sie ein paar Euro für Eis zugesteckt. Die Fische, die sie im Laufersee angeln, werden abends gemeinsam gegrillt und verspeist. Nur Karpfen müssen sie wieder zurück in den See werfen. Die sind nicht zum Angeln da, sondern sollen den See frei von Algen halten. Wenn das Angelergebnis mäßig war, bringt schon mal eine Oma Nudeln hinauf zur Alm, oder sie machen selber Kässpatzen. Den Tisch decken alle gemeinsam. Wer die anderen Arbeiten macht, entscheiden 32 Spielkarten. Der mit der niedrigsten Karte muss abspülen, der Sieger darf das saubere Geschirr in den Schrank räumen.

Die Abende sind lang. Meistens wird vor der Hütte musiziert. Musikanten gibt es immer genug, denn fast alle Mittenwalder lernen ein Instrument. Felix, zum Beispiel, spielt Flügelhorn. Oder die Neuners brechen mit den Buben zur Gruselwanderung auf. Dann hängen im dunklen Buchenwald geschnitzte Holzmasken an den Bäumen. „Ein bisschen Bauchkribbeln darf schon sein“, sagt Christian Neuner lächelnd, und erzählt die Geschichte vom Wilden Stier auf der Wettersteinalm, die er bei einer solchen Nachtwanderung immer zum Besten gibt.

Am letzten Abend vorm Almabtrieb kommen alle Hütejungen des Sommers für einen gemeinsamen Abschied zusammen. Beim Hirtenschießen gibt es Schellen für die Ziegen, Taschenlampen, Ziegenketten und andere nützliche Souvenirs zu gewinnen. Da fällt der Abschied etwas leichter, vor allem den Jüngeren, die vielleicht noch etliche Sommer mehr auf der Scheibenalm verbringen werden.

Info: Der Ziegenabtrieb in Mittenwald findet am Samstag, den 3. September, statt.
Nähere Informationen zu Unterkünften und weiteren Aktionen gibt es bei der Zugspitz Region GmbH,
Burgstraße 15, 82467 Garmisch-Partenkirchen
info@zugspitz-region.de, www.zugspitz-region.de.

Autorin: Dr. Andrea Hammerl

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