Darmgesundheit: Was Mikrobiom, Vorsorge und Ernährung bewirken
„Hirschhausen und der Darm“ Die neue Dokumentation von Dr. Eckart von Hirschhausen, Montag, 05.10.2026, 20:15 Uhr, Das Erste, ab Freitag, 02.10.2026, in der ARD Mediathek, Foto: WDR/Bilderfest/Annika Graef
„Unser Darm ist Verdauungsorgan, Bakterienbiotop und wichtiger Partner des Immunsystems zugleich. Was die Forschung über das Mikrobiom weiß, warum Darmkrebsvorsorge so wichtig ist und bei welchen Darm-Versprechen Skepsis angebracht ist.“
„Was für ein Scheißthema“ – so formuliert es eine Passantin im Film und trifft damit einen wunden Punkt: Der Darm ist für viele immer noch ein peinliches Thema. Nicht für Dr. Eckart von Hirschhausen: „Der Darm ist kein stumpfes Rohr, sondern ein sensibles Organ mit Superkräften, mit eigenem Nervensystem und Milliarden Mitbewohnern. Je mehr wir darüber wissen, desto größer die Darm-Demut!“
Darmgesundheit: Was Mikrobiom, Vorsorge und Ernährung bewirken
Der Darm ist weit mehr als ein Verdauungsorgan. Er besitzt ein eigenes Nervensystem, beherbergt Milliarden von Mikroorganismen und steht in engem Austausch mit Immunsystem und Stoffwechsel. Trotzdem sind Verdauung, Stuhlgang und Darmerkrankungen für viele Menschen noch immer Tabuthemen. In seiner Dokumentation „Hirschhausen und der Darm“ will Arzt und Wissenschaftsjournalist Dr. Eckart von Hirschhausen das ändern – und zeigt, warum Darmgesundheit auch für die Vorsorge eine wichtige Rolle spielt.
„Der Darm ist kein stumpfes Rohr, sondern ein sensibles Organ mit Superkräften, mit eigenem Nervensystem und Milliarden Mitbewohnern“, sagt von Hirschhausen. Besonders das sogenannte Darmmikrobiom ist in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt.
Was ist das Darmmikrobiom?
Als Darmmikrobiom bezeichnet man die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den menschlichen Darm besiedeln. Dazu gehören vor allem Bakterien, aber auch andere Mikroorganismen. Diese Gemeinschaft erfüllt zahlreiche Aufgaben. Darmbakterien sind unter anderem am Abbau bestimmter Nahrungsbestandteile beteiligt, produzieren Stoffwechselprodukte und stehen in Wechselwirkung mit dem Immunsystem. Welche Zusammensetzung des Mikrobioms für den einzelnen Menschen optimal ist, lässt sich allerdings nicht auf eine einfache Formel reduzieren. Ernährung, Medikamente, Umwelt, Alter und viele weitere Faktoren können die Zusammensetzung beeinflussen.
Reizdarm: Wenn der Darm dauerhaft Beschwerden macht
Das Reizdarmsyndrom gehört zu den häufigen funktionellen Erkrankungen des Verdauungstraktes. Typische Beschwerden sind:
- Bauchschmerzen oder Bauchkrämpfe
- Blähungen
- Durchfall
- Verstopfung
- wechselnde Stuhlgewohnheiten
Bei einem Reizdarm können die Beschwerden erheblich sein, obwohl sich mit üblichen Untersuchungsmethoden häufig keine organische Ursache feststellen lässt. Neben den körperlichen Symptomen erleben viele Betroffene eine zusätzliche Belastung: Über Durchfall, Verstopfung oder den dringenden Gang zur Toilette wird in der Öffentlichkeit kaum gesprochen. Scham und Angst vor unangenehmen Situationen können dadurch den Alltag zusätzlich erschweren. In der Dokumentation spricht von Hirschhausen unter anderem mit Karina Spiess, die in sozialen Medien offen über ihre Erfahrungen mit einer Darmerkrankung berichtet.
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa: Chronische Entzündungen im Darm
Von funktionellen Beschwerden wie dem Reizdarmsyndrom müssen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen unterschieden werden.
Zu den bekanntesten gehören:
Morbus Crohn:
Die Erkrankung kann unterschiedliche Abschnitte des Verdauungstraktes betreffen.
Colitis ulcerosa:
Hier ist vor allem der Dickdarm von chronischen Entzündungen betroffen. Mögliche Symptome sind unter anderem Bauchschmerzen, anhaltender Durchfall, Gewichtsverlust oder Blut im Stuhl. Wer länger unter ausgeprägten Darmbeschwerden leidet, sollte diese ärztlich abklären lassen. Insbesondere Blut im Stuhl, starke Schmerzen, ungeklärter Gewichtsverlust oder länger anhaltende Veränderungen des Stuhlgangs gehören medizinisch untersucht.
Darmkrebsvorsorge: Warum die Darmspiegelung wichtig ist
Ein wesentlicher Schwerpunkt der Dokumentation ist die Darmkrebsvorsorge. Die Darmspiegelung – medizinisch Koloskopie – bietet einen besonderen Vorteil: Ärztinnen und Ärzte können nicht nur Veränderungen der Darmschleimhaut erkennen, sondern bestimmte Vorstufen von Darmkrebs bereits während der Untersuchung entfernen. Bei diesen Vorstufen handelt es sich häufig um sogenannte Polypen. Nicht jeder Polyp entwickelt sich zu Krebs. Bestimmte Formen können sich jedoch über Jahre verändern und zu einem bösartigen Tumor entwickeln. Ergänzend zur Darmspiegelung stehen Stuhltests zur Darmkrebsfrüherkennung zur Verfügung. Welche Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll sind und ab welchem Alter sie durchgeführt werden sollten, hängt auch von persönlichen Risikofaktoren ab.
Familiäres Darmkrebsrisiko ernst nehmen
Besonders wichtig ist die Familiengeschichte. Von Hirschhausen berichtet in der Dokumentation von einem Freund, der im Alter von 34 Jahren an Darmkrebs starb und erblich vorbelastet war. Treten Darmkrebs oder bestimmte Darmpolypen gehäuft in der Familie auf, kann das persönliche Erkrankungsrisiko erhöht sein. In solchen Fällen können Vorsorgeuntersuchungen bereits in jüngeren Jahren sinnvoll sein. Menschen mit einer entsprechenden Familiengeschichte sollten deshalb mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen, wann und in welchen Abständen Untersuchungen empfohlen werden.
Mikrobiom und Darmgesundheit: Was die Forschung untersucht
Die Forschung beschäftigt sich intensiv mit der Frage, welchen Einfluss die Vielfalt der Darmbakterien auf die Gesundheit hat. An der Universität Zürich untersucht Prof. Adrian Egli unter anderem Zusammenhänge zwischen einer abnehmenden mikrobiellen Vielfalt und modernen Lebensbedingungen. Ernährungsweise, Stress, Medikamente und andere Faktoren können das Darmmikrobiom beeinflussen. Welche Veränderungen tatsächlich Krankheiten auslösen und welche lediglich Begleiterscheinungen einer Erkrankung sind, ist jedoch nicht in allen Bereichen abschließend geklärt.
Microbiota Vault: Ein Archiv für Darmbakterien
Wie wertvoll die Vielfalt menschlicher Mikroorganismen möglicherweise für die Medizin der Zukunft sein könnte, zeigt das Projekt „Microbiota Vault“. Dabei werden mikrobielle Proben aus unterschiedlichen Regionen der Welt gesammelt und langfristig konserviert. Die Idee dahinter: Geht bakterielle Vielfalt durch veränderte Lebensbedingungen verloren, könnten solche Sammlungen dazu beitragen, wichtige Mikroorganismen für die Forschung und möglicherweise für spätere medizinische Anwendungen zu bewahren.
Stuhltransplantation: Wenn Darmbakterien übertragen werden
Eine ungewöhnlich klingende Behandlung hat in der Medizin bereits konkrete Bedeutung: die sogenannte fäkale Mikrobiota-Transplantation, häufig auch Stuhltransplantation genannt. Dabei wird aufbereitetes Spendermaterial in den Darm eines Patienten übertragen. Ziel ist es, die Zusammensetzung der Darmflora zu verändern. Für bestimmte Erkrankungen gibt es bereits etablierte Einsatzgebiete. Gleichzeitig wird intensiv untersucht, ob Veränderungen des Mikrobioms künftig auch bei anderen Erkrankungen therapeutisch genutzt werden könnten. In Zürich beschäftigt sich Prof. Michael Scharl beispielsweise mit dem Darmmikrobiom im Zusammenhang mit Krebs und Krebstherapien. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen bereits etablierten medizinischen Verfahren und experimentellen Forschungsansätzen. Stuhltransplantationen sind keine allgemeine oder eigenständig anzuwendende Methode zur Behandlung von Krebs.
Darmbarriere: Schutzwall zwischen Darm und Körper
Auch die sogenannte Darmbarriere ist für die Darmgesundheit von Bedeutung. Die Darmschleimhaut erfüllt eine anspruchsvolle Aufgabe: Sie soll Nährstoffe passieren lassen und gleichzeitig verhindern, dass unerwünschte Stoffe oder Krankheitserreger unkontrolliert in den Körper gelangen. Prof. Yurdagül Zopf vom Universitätsklinikum Erlangen untersucht unter anderem, welche Rolle Störungen der Darmbarriere bei funktionellen und entzündlichen Erkrankungen spielen könnten. Dabei richtet sich der Blick auch auf zwei wichtige Faktoren des Lebensstils: Ernährung und Bewegung.
Ernährung für einen gesunden Darm
Eine einzelne „Darm-Diät“, die für alle Menschen gleichermaßen geeignet ist, gibt es nicht. Grundsätzlich kann jedoch eine abwechslungsreiche Ernährung mit einem hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel zur Versorgung mit Ballaststoffen beitragen.
Gute Ballaststoffquellen sind beispielsweise:
- Gemüse
- Obst
- Vollkornprodukte
- Hülsenfrüchte
- Nüsse und Samen
Ballaststoffe dienen bestimmten Darmbakterien als Nahrungsgrundlage und können die Verdauung unterstützen. Wer bereits an einer Darmerkrankung leidet oder einzelne Lebensmittel schlecht verträgt, sollte Ernährungsempfehlungen jedoch individuell betrachten. Bei starken oder anhaltenden Beschwerden kann eine ernährungsmedizinische Beratung sinnvoll sein.
Bewegung unterstützt nicht nur die Verdauung
Auch regelmäßige körperliche Aktivität kann einen Beitrag zur Darmgesundheit leisten. Bewegung fördert unter anderem die Darmtätigkeit und wirkt sich positiv auf zahlreiche Stoffwechselprozesse aus. Gleichzeitig gehört körperliche Aktivität zu den grundlegenden Bausteinen eines gesundheitsfördernden Lebensstils. Dabei muss es nicht immer intensiver Sport sein. Regelmäßiges Gehen, Radfahren oder andere moderate Aktivitäten können bereits sinnvoll sein.
Probiotika und Präbiotika: Nicht jedes Produkt hält jedes Versprechen
Rund um das Darmmikrobiom ist in den vergangenen Jahren ein großer Markt entstanden.
Angeboten werden unter anderem:
- Probiotika
- Präbiotika
- Mikrobiom-Tests
- sogenannte Darmsanierungen
- Nahrungsergänzungsmittel für die Darmflora
Hier lohnt sich ein kritischer Blick.
Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen. Ob sie einen gesundheitlichen Nutzen haben, hängt unter anderem vom verwendeten Bakterienstamm, der Menge und dem jeweiligen Anwendungsgebiet ab. Präbiotika sind bestimmte Nahrungsbestandteile, die von Darmbakterien genutzt werden können. Viele natürliche Ballaststoffe besitzen präbiotische Eigenschaften. Pauschale Aussagen wie „baut die Darmflora wieder auf“ oder „saniert den Darm“ sollten dagegen kritisch hinterfragt werden.
Was bringen Mikrobiom-Tests für zu Hause?
Auch kommerzielle Stuhl- und Mikrobiomtests werden zunehmend angeboten. Sie können zwar Informationen darüber liefern, welche Mikroorganismen in einer Probe nachgewiesen wurden. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, welche Ernährung für einen Menschen optimal ist oder ob bestimmte Beschwerden durch die gemessene Zusammensetzung des Mikrobioms verursacht werden. Die Forschung zum Mikrobiom entwickelt sich schnell. Gleichzeitig bestehen bei der Interpretation individueller Testergebnisse noch zahlreiche offene Fragen. Bei anhaltenden Beschwerden ersetzt ein kommerzieller Mikrobiom-Test deshalb keine medizinische Diagnostik.
Wann Darmbeschwerden ärztlich abgeklärt werden sollten
Gelegentliche Verdauungsprobleme sind weit verbreitet. Bestimmte Symptome sollten jedoch nicht ignoriert werden.
Eine ärztliche Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:
- Blut im Stuhl
- länger anhaltenden Veränderungen des Stuhlgangs
- wiederkehrenden starken Bauchschmerzen
- länger bestehendem Durchfall
- ungeklärtem Gewichtsverlust
- ausgeprägter Müdigkeit oder Leistungsminderung zusammen mit Darmbeschwerden
- Darmkrebs oder bestimmten Darmerkrankungen in der Familie
Solche Beschwerden bedeuten nicht automatisch, dass eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt. Sie sollten jedoch medizinisch eingeordnet werden.
Darmgesundheit darf kein Tabuthema sein

Eckart von Hirschhausen (l.) und der Mikrobiologe Adrian Egli präsentieren Petrischalen mit Bakterienkulturen aus dem menschlichen Mikrobiom- ein Schatz in unserem Dickdarm, der großen Anteil an unserer Gesundheit hat.
Für die Darmgesundheit bleiben bewährte Grundlagen wichtig: eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, ein verantwortungsvoller Umgang mit Beschwerden und die Wahrnehmung empfohlener Vorsorgeuntersuchungen.
Die Dokumentation „Hirschhausen und der Darm“ ist eine Produktion der Bilderfest GmbH im Auftrag des WDR für Das Erste und gehört zur Dokumentationsreihe „Hirschhausen und …“.



