Erschöpft und trotzdem im Job: Warum Freelancer nicht pausieren
Erschöpft, aber weiter am Schreibtisch: 55 Prozent der befragten Freelancer arbeiten trotz psychischer Erschöpfung weiter.
Eine aktuelle Umfrage zeigt: Mehr als die Hälfte der Solo-Selbstständigen arbeitet weiter, obwohl die Kräfte schwinden. Der Grund ist selten Ehrgeiz, sondern meist Geldsorgen. Auch ich kenne dieses Gefühl nur zu gut.
Ein Geständnis vorweg
Ich schreibe Ihnen heute als jemand, der Gesundheitsthemen zum Beruf gemacht hat. Und doch muss ich ehrlich sein: Selbst ich arbeite eigentlich immer weiter, auch wenn ich psychisch erschöpft oder körperlich krank bin. Als Herausgeber einer Zeitschrift und Betreiber eines Online-Ratgebers gibt es immer eine Deadline, eine Ausgabe, einen Artikel, der fertig werden muss. Krank sein? Das ist im Kalender eines Selbstständigen oft schlicht nicht vorgesehen.
Deshalb hat mich eine aktuelle Umfrage der Plattform freelancermap besonders beschäftigt. Sie zeigt, dass ich damit alles andere als allein bin.
Die Zahlen: Weitermachen trotz Erschöpfung ist die Regel
Für die Umfrage wurden vom 28. September bis 4. Oktober 2026 insgesamt 551 registrierte Mitglieder von freelancermap befragt, 95 Prozent davon aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Die wichtigsten Ergebnisse:
- 55 Prozent haben bereits ein Projekt trotz psychischer Erschöpfung angenommen oder fortgeführt.
- 43 Prozent fühlen sich aktuell stark oder sehr stark psychisch belastet.
- Bei 55 Prozent ist die psychische Belastung im vergangenen Jahr gestiegen.
Es geht ums Geld, nicht um Ehrgeiz
Besonders aufschlussreich ist die Frage nach dem Warum. Von denjenigen, die trotz Erschöpfung weitergearbeitet haben, gaben 62 Prozent an, ein Projekt aus finanziellen Gründen nicht ablehnen zu können. Nur 13 Prozent nannten einen hohen beruflichen Anspruch als Grund. Weitere 14 Prozent fürchteten, Kunden oder ein Projekt zu verlieren.
Das passt zu den größten Belastungsfaktoren, die die Befragten nannten:
- unsichere Auftragslage (69 Prozent)
- wirtschaftliche Entwicklung (53 Prozent)
- Unsicherheit beim Einkommen (47 Prozent)
Wer keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung hat und dessen Einkommen direkt an der eigenen Arbeitskraft hängt, kann sich Schwäche oft schlicht nicht leisten. Das ist kein persönliches Versagen, sondern ein strukturelles Problem.
Ein Teufelskreis aus Unsicherheit und Belastung
Die Umfrage zeigt einen deutlichen Zusammenhang: Von den Freelancern, die eine unsichere Auftragslage als Belastung nennen, berichten 62 Prozent von einer gestiegenen psychischen Belastung im vergangenen Jahr. Bei den übrigen Befragten sind es 39 Prozent.
Wer ständig um Aufträge bangt, nimmt aus Angst alles an, arbeitet mehr, erholt sich weniger und wird noch erschöpfter. Genau diesen Kreislauf kenne ich aus eigener Erfahrung.
Kein Selbstständigenproblem allein
Auch Angestellte gehen häufig angeschlagen zur Arbeit. Laut DGB-Index Gute Arbeit 2024 gaben 63 Prozent der Beschäftigten an, im vergangenen Jahr gearbeitet zu haben, obwohl sie sich richtig krank fühlten. Das Phänomen hat sogar einen Namen: Präsentismus. Gemeint ist, trotz Krankheit am Arbeitsplatz zu erscheinen oder weiterzuarbeiten. Langfristig kann das die Genesung verzögern und die Gesundheit weiter untergraben.
Die gute Nachricht: Freiheit schützt
Die Umfrage zeigt auch, was Freelancern guttut:
- 75 Prozent nennen Autonomie und freie Zeiteinteilung als stärksten Schutzfaktor.
- 52 Prozent schätzen ortsunabhängiges Arbeiten.
- 33 Prozent nennen die Vereinbarkeit mit Familie und Freunden.
Auch das kann ich bestätigen: Selbst über meine Arbeit zu entscheiden, ist ein Geschenk. Doch die Freiheit hat Grenzen. Thomas Maas, CEO von freelancermap, ordnet die Ergebnisse so ein:
„Viele Freelancer schätzen die Freiheit, ihre Arbeit selbst zu gestalten. Die Umfrage zeigt aber auch, dass Selbstbestimmung finanzielle Unsicherheit nicht aufhebt. Aus meiner Sicht helfen klare Absprachen über Projektumfang und Fristen, die Zusammenarbeit besser planbar zu machen.“ — Thomas Maas, CEO von freelancermap
Was Sie tun können: Tipps aus Erfahrung
Aus der Umfrage und meinem eigenen Arbeitsalltag habe ich einige Anregungen für Sie zusammengestellt:
- Finanzielles Polster aufbauen. Eine Rücklage für mehrere Monate nimmt den Druck, jeden Auftrag annehmen zu müssen. Klingt banal, ist aber der wirksamste Schutz.
- Absprachen schriftlich treffen. Klare Vereinbarungen zu Umfang, Fristen und Zahlungszielen verhindern Mehrarbeit und Dauerstress, ganz im Sinne von Thomas Maas.
- Frühwarnzeichen ernst nehmen. Schlafprobleme, Gereiztheit, Konzentrationsschwäche, Antriebslosigkeit oder körperliche Beschwerden ohne klare Ursache sind Signale, keine Schwächen.
- Erholung fest einplanen. Pausen, freie Tage und Urlaub gehören in den Kalender wie ein Kundentermin.
- Absicherung prüfen. Ein Krankentagegeld kann für Selbstständige ein wichtiges Sicherheitsnetz sein. Lassen Sie sich dazu individuell beraten.
- Über Belastung sprechen. Mit Kolleginnen und Kollegen, Freunden oder Familie. Anhaltende Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Angst sollten Sie ärztlich oder psychotherapeutisch abklären lassen.
Mein Fazit
Ich nehme mir nach dieser Recherche selbst vor, künftig öfter auf die Bremse zu treten. Ob mir das gelingt, werde ich Ihnen gern berichten. Denn eines ist klar: Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, riskiert mehr als einen verpassten Abgabetermin. Gesundheit ist kein Luxus, den man sich erst leisten kann, wenn die Auftragslage stimmt. Sie ist die Grundlage, auf der alles andere steht.
Wie gehen Sie mit Erschöpfung im Arbeitsalltag um? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen, wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.
Quelle: Pressemitteilung von freelancermap, Nürnberg, 08.10.2026. Online-Umfrage vom 28.09. bis 04.10.2026 unter 551 registrierten Mitgliedern; bei den Fragen zu Belastungs- und Schutzfaktoren waren bis zu drei Antworten möglich. Vergleichswert zu Beschäftigten: DGB-Index Gute Arbeit 2024.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltender psychischer Belastung wenden Sie sich bitte an Ihre Hausarztpraxis oder eine Beratungsstelle.




